Der Ausschuss für
Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung hatte im Juni 2003
beschlossen, das TAB mit einem TA-Projekt zum Thema »Moderne Agrartechniken und Produktionsmethoden – ökonomische
und ökologische Potenziale« zu beauftragen. Aufbauend auf einem Vorschlag
des Ausschusses für Verbraucherschutz, Ernährung und Landwirtschaft sowie
Anregungen aus dem Berichterstatterkreis sollte in diesem TA-Projekt untersucht
werden, welche Effizienzgewinne moderne Produktionsmethoden für eine
nachhaltigere Landbewirtschaftung bereitstellen könnten.
Der vorliegende Bericht
zu »alternativen Kulturpflanzen und Anbauverfahren« bildet einen Teil der
abschließenden Berichterstattung zum TA-Projekt »Moderne Agrartechniken und Produktionsmethoden – ökonomische und
ökologische Potenziale«. Parallel wird der Teilbericht »Precision
Agriculture« vorgelegt.
Problemstellung
Die Untersuchung moderner Produktionsmethoden sollte zum
einen anhand agrartechnischer Entwicklungen im Bereich Precision Agriculture
(PA), zum anderen mit Blick auf neue Entwicklungen bei alternativen Kulturen
und Anbauverfahren (wie z.B. dem Mischanbau) erfolgen. Ziel war es,
politische Gestaltungsmöglichkeiten in den Bereichen Forschungs- und
Technologiepolitik, Agrarumweltpolitik sowie die agrarpolitischen
Rahmenbedingungen herauszuarbeiten.
Während bei Precision Agriculture die Ressourcenschonung im
Vordergrund steht, soll mit neuen Anbauverfahren und alternativen Kulturen vor
allem ein Beitrag zum Erhalt bzw. zur Verbesserung der Agrobiodiversität
geleistet werden. Zum Thema neue Anbauverfahren und alternative Kulturen im
Pflanzenbau – sowohl zur Nahrungsmittelproduktion als auch zur
energetischen und stofflichen Nutzung – sollte ein Überblick erarbeitet und
darauf aufbauend untersucht werden, welche davon geeignet sind, im Rahmen einer
nachhaltigen Landwirtschaft in Deutschland unter den Bedingungen der
Neuausrichtung der europäischen Agrarpolitik neue ökonomische und ökologische
Potenziale zu erschließen.
Angesichts des bisherigen Entwicklungsstands ergibt sich
für diesen Bericht eine Konzentration der
Analyse auf landwirtschaftliche Anbau- und Züchtungsprobleme: Diese
müssen zunächst gelöst werden, bevor Perspektiven einer breiteren Nutzung
intensiv diskutiert werden sollten.
Alternative Kulturpflanzen
Unter alternativen Kulturpflanzen werden in diesem Bericht
landwirtschaftliche Nutzpflanzen verstanden,
-
die zurzeit in Deutschland nicht oder nur in sehr geringem Umfang angebaut
werden,
-
die alte Kulturarten darstellen oder die erst vor relativ kurzer Zeit aus
Wildpflanzenarten kultiviert wurden oder die in anderen Ländern bzw. Regionen in
einem gewissen Umfang genutzt werden,
- die züchterisch so weit bearbeitet und für die Anbauverfahren
etabliert sind, dass eine Einführung in die landwirtschaftliche Praxis in
Deutschland prinzipiell möglich ist.
Darstellung und Diskussion der alternativen Kulturpflanzen
sind untergliedert in Stärkepflanzen (alte Weizenarten, Hirsen,
Buchweizen, Amarant, Reismelde), Zuckerpflanzen (Zichorie,
Topinambur), Ölpflanzen (Crambe, Leindotter, Saflor),
Faserpflanzen
(Fasernessel), Arznei- und Gewürzpflanzen, Färberpflanzen sowie Nutzpflanzen zur energetischen Nutzung
(Zuckerhirse, Sudangras, Miscanthus, Pappel, Weide).
Dabei wird auf die Verwendung als Nahrungsmittel sowie als nachwachsende
Rohstoffe eingegangen.
Allen behandelten alternativen Kulturpflanzen ist
gemeinsam, dass sie nicht oder nur in geringem Umfang züchterisch bearbeitet
sind. Dementsprechend haben diese Kulturpflanzen noch typische
Wildpflanzeneigenschaften, darunter:
-
niedriges Ertragsniveau;
-
geringe Ertragssicherheit, d.h. von Jahr zu Jahr treten in Abhängigkeit von
der Witterung erhebliche Ertragsschwankungen auf;
-
ungleichmäßige Abreife, die die Bestimmung eines optimalen Erntezeitpunktes
erschwert (z.B. Rispenhirse, Buchweizen);
-
hohe Ausfall- und Ernteverluste, wodurch das Ertragspotenzial nur teilweise
ausgeschöpft wird (z.B. Buchweizen, Amarant);
- Verunkrautung nachfolgender Kulturen durch ausgefallene
Samen oder verbliebene Wurzelteile (z.B. Reismelde, Topinambur).
Hinzu kommt, dass gebietsfremde Pflanzen, wie die
Pseudoceralien, Crambe oder Saflor, an
wärmere Anbauregionen angepasst sind. Dies wirkt sich insbesondere auf
die benötigte Keimtemperatur und die Vegetationsdauer nachteilig aus. Insgesamt
stehen in den meisten Fällen keine an deutsche Standorte angepassten Sorten
zur Verfügung. Die züchterische Bearbeitung der alternativen Kulturpflanzen
hinsichtlich einer Vielzahl von Zuchtzielen wird daher noch für längere Zeit
einen sehr hohen Stellenwert behalten.
In der Regel kann die Anbautechnik vergleichbarer
Hauptkulturarten genutzt wer den, so dass von
dieser Seite keine wesentlichen Behinderungen vorliegen. Allerdings sind
bisher die wissenschaftlichen und praktischen Kenntnisse über Anbausysteme
begrenzt.
Insgesamt ist kurzfristig eine deutliche Ausweitung des
Anbaus alternativer Kulturpflanzen nicht zu erwarten. Nur mittel- bis
langfristig könnten sich die Chancen für alternative Kulturpflanzen
erhöhen.
Ökologische Aspekte
Die meisten behandelten Kulturpflanzen sind relativ
anspruchslos und besonders zum Anbau auf leichteren Böden und zu Trockenheit
neigenden Standorten geeignet. Sie lassen sich gut in die Fruchtfolgen
integrieren und würden damit die Agrobiodiversität auf diesen Standorten
erhöhen. Da die alternativen Kulturpflanzen auf absehbare Zeit auf den
ertragsstarken Standorten gegenüber den heute vorherrschenden Kulturpflanzen
nicht konkurrenzfähig sein werden, können sie allerdings auf diesen, von der
Intensivierung und Vereinfachung der Fruchtfolgen besonders betroffenen
Standorten auch nicht zu einer höheren Agrobiodiversität beitragen.
Der Anbau von Heil- und Gewürzpflanzen stellt wegen der
Kleinräumigkeit des Anbaus der jeweiligen Art einen besonders wertvollen Beitrag
zur Erhöhung der Agrobiodiversität dar. Hier wird der Multiplikatoreffekt im
Agrarökosystem besonders deutlich: Die Biodiversität wird nicht nur durch den
Anbau unterschiedlicher Pflanzenarten bereichert, sondern als Blühpflanzen
stellen diese für zahlreiche Insekten Attraktionsstandorte dar. Als
Nischenproduktion ist der positive Effekt bezogen auf die Gesamtfläche
allerdings gering. Problematisch können Amarant und Reismelde wegen ihrer
Verwandtschaft mit Problemunkräutern sein. Hier gibt es noch nicht genügend
Erfahrungen, um Aussagen z.B. zu Spätverunkrautungen und zu möglichen negativen
Einflüssen auf die Biodiversität zu treffen.
Der Dünger- und
Pflanzenschutzmitteleinsatz würde durch alternative Kulturpflanzen im
Allgemeinen reduziert. Gerade im Hinblick auf die Kontrolle von
Krankheiten und Schädlingen wird durch sie eine Ausweitung der Fruchtfolgen
erreicht, die auch bei den Marktfrüchten den Pflanzenschutzmitteleinsatz senken
könnte. Die Anspruchslosigkeit der alternativen Kulturpflanzen, ihr niedriges
Ertragsniveau und die Vorzüglichkeit für ertragsschwache Standorte bedingen eine
extensive Bewirtschaftung. In den Bereichen, wo nur über höhere Erträge eine
Konkurrenzfähigkeit gegenüber etablierten Kulturpflanzen erreicht werden kann,
würden allerdings Ertragssteigerungen auch zu einem intensiveren Anbau führen.
Da es sich bei den
meisten hier vorgestellten Kulturpflanzen um sommerannuelle Kulturen handelt,
die teilweise auch hohe Ansprüche an die Bodenbearbeitung stellen, können
Risiken in der nachhaltigen Bodennutzung ausgelöst werden, die einer
wissenschaftlichen Lösung bedürfen.
Bei Kulturpflanzen zur energetischen Verwendung
führen die Wettbewerbssituation gegenüber fossilen Energieträgern und die
bestehenden Rahmenbedingungen dazu, dass Wirtschaftlichkeit eher bei einer
relativ intensiven Produktionsweise erzielt wird. Allerdings ist in der Regel
ein geringerer Aufwand an Produktionsmitteln als in der Nahrungsmittelproduktion
notwendig, da keine entsprechenden Qualitätsanforderungen erfüllt werden müssen.
Das Problem der Transportkosten könnte zu einer stärkeren regionalen
Konzentration einzelner Arten führen. Die ökologische Bewertung von
Dauerkulturen wie Miscanthus und Kurzumtriebsplantagen (Pappeln, Weide) auf
landwirtschaftlichen Flächen ist von den ökologischen »Opportunitätskosten«,
also dem alternativen Flächeneinsatz abhängig. Auf intensiv genutzten Ackerböden
dürften sich positive Effekte einstellen, wenn eine standortgerechte
Pflanzenauswahl getroffen wird. Dagegen birgt eine Nutzung von Grenzstandorten
einerseits die Gefahr einer irreversiblen Schädigung wertvoller Biotope,
andererseits eröffnet sie bei entsprechenden Anbaumethoden die Chance einer
durchaus auch ökologisch verträglichen Nutzung anstelle des Brachfallens.
Die Erfahrungen mit gebietsfremden Pflanzen sind in der
Regel noch nicht ausreichend. Das kann bedeuten, dass bei großflächigem Anbau
der Pflanzenschutzmitteleinsatz höher wird als erwartet. Die bisherigen
Erfahrungen bei sehr geringem Anbauumfang zeigten allerdings einen sehr geringen
Pflanzenschutzmittelbedarf.
Nutzungsmöglichkeiten, Entwicklungsstand und Perspektiven
Im Bestreben um eine gesunde Ernährung wurde in den letzten
Jahren eine Reihe von alten Nutzpflanzen als Rohstofflieferant für
Nahrungsmittel wiederentdeckt, darunter Hirsen und Buchweizen. Hinzu kamen
Bemühungen um die Verbesserung der Agrobiodiversität durch den ökologischen
Landbau, die z.B. zum Anbau alter Weizenarten
geführt hat. Auch für die Nutzung als nachwachsende Rohstoffe besteht ein
steigendes Interesse an alternativen Kulturpflanzen. Niedriges Ertragsniveau,
fehlende standortangepasste Sorten, geringe züchterische Bearbeitung und
verschiedene Anbaurisiken führen aber dazu, dass die alternativen Kulturpflanzen
derzeit in Deutschland in der Regel nicht wirtschaftlich angebaut werden
können.
Bei den alternativen Stärkepflanzen eröffnen sich
insbesondere bei Rispenhirse und den Pseudocerealien Chancen als Surrogate für
Getreideprodukte bei Menschen mit Zöliakie und Neurodermitis. Der Anbau der
Kulturart Rispenhirse kann für ökologisch wirtschaftende Betriebe auf
leichten Böden und zu Trockenheit neigenden Standorten eine interessante
Alternative sein. Die steigende Nachfrage wird bisher fast vollständig durch den
Import gedeckt. Ein verstärktes Interesse am Anbau fördern Forschung und
Züchtung. Die züchterischen Bemühungen lassen Potenziale für geeignete,
ertragstabile Sorten für den Anbau in Deutschland erkennen.
Dagegen ist die Nutzung von Amarant und
Reismelde über das Versuchsstadium noch nicht hinausgekommen. Haupthemmnisse
sind der hohe Temperaturanspruch und die lange Vegetationsperiode. Wenn sich ein
wachsender Bedarf für Amarant und Reismelde
in der menschlichen Ernährung oder als Industrierohstoff entwickelt, dann
ist eine umfangreiche züchterische Bearbeitung notwendig. Neben der Anpassung an
die Standortbedingungen sind dabei die technologischen Eigenschaften wie
Korngröße und Druschfähigkeit der Pflanzen (gleichmäßige Abreife, Verminderung
der Ernteverluste) zu verbessern.
Buchweizen kann sowohl im konventionellen als auch
im diätetischen Nahrungsmittelbereich eingesetzt werden. Da er kein Klebereiweiß
enthält, kann Buchweizen zur Produktion glutenfreier Diäterzeugnisse verwendet
werden. Vorteilhaft sind auch die pflanzenbaulichen Vorteile als Gesundungsfrucht in Fruchtfolgen,
insbesondere bei der Nematodenbekämpfung. Buchweizen gilt innerhalb der
Europäischen Union als ausgleichsberechtigte Kulturpflanze. Sein Anbau als
Körnerfrucht wurde bisher über die Getreidebeihilfe gefördert. Die Entkopplung
der Flächenprämien durch die neueste Reform der Gemeinsamen Agrarpolitik der EU
schafft hier also keine wesentliche Veränderung, so dass keine umfangreiche
Ausdehnung des Anbaus zu erwarten ist.
Im Nahrungsmittelbereich kann die aus dem Inulin von
Zichorie
oder Topinambur gewonnene Fructose als Alternativsüßstoff zur
Saccharose eingesetzt werden. Auch im industriellen Bereich bestehen
verschiedene Einsatzmöglichkeiten von Inulin, die noch an Bedeutung gewinnen
dürften. Hierbei kann Inulin als Phosphatersatz in Waschmitteln eingesetzt
werden. Bedeutsam ist auch die Anwendung des Inulins als
Nährmedium für Mikroorganismen, die ihrerseits organische Säuren, Aminosäuren,
Antibiotika und Vitamine produzieren. Weiterhin ist die biotechnologische
Herstellung leicht abbaubarer Kunststoffe aus Inulin möglich.
Unter den alternativen Ölpflanzen befinden sich
sowohl Arten für eine industrielle Nutzung, wie Crambe aufgrund ihres
Erucasäuregehalts und Leindotter aufgrund des
Eicosen- und Linolensäuregehalts, als auch Arten für den Nahrungsmittelbereich,
wie Saflor mit seinem hochwertigen »Distelöl«. In diesem Bereich hat sich in den
vergangenen Jahren eine intensive Suche nach alternativen Nutzpflanzen
entwickelt. Ursache dafür ist vor allem das Interesse der chemischen Industrie,
Erdölprodukte zu substituieren. Die Pflanzenarten sind für
den Anbau in Deutschland grundsätzlich
geeignet, haben aber in der Regel noch keine ausreichende Wirtschaftlichkeit
erreicht.
Crambe wurde bereits in den 1950er und 1960er Jahren
in der DDR angebaut. Im Mittelpunkt ihrer Nutzung steht heute die Verwertung in
der Oleochemie. Das Öl weist ca. 50 % Erucasäure auf. Erucasäure ist ein vielseitiger
Industriegrundstoff als Weichmacher für
Kunststoffe, zur Schmierölherstellung, zur Herstellung pharmazeutischer
Erzeugnisse, zur Papierherstellung und als Schaumbremser in Waschmitteln.
Außerdem wird Erucasäure für chemische Prozesse der Erdölförderung verwendet.
Crambe ist allerdings als Sommerölpflanze dem Winterraps in der Ölproduktion pro
Fläche unterlegen. Außerdem bestehen bei Crambe Anbaurisiken beispielsweise
durch Ertragsschwankungen und Verunkrautung.
Leindotter ist wegen seines hohen Ölgehalts im Samen
interessant. Aufgrund des hohen Anteils an Eicosen- und a-Linolensäure findet das Öl vorrangig im
Non-Food-Bereich Anwendung. Das Leindotteröl wird zur Herstellung von Lacken und
Farben verarbeitet. Leindotteröl lässt sich weiterhin zur Herstellung von
kosmetischen Ölen, Cremes, Lotionen und Seifen verarbeiten. Außerdem eignet es
sich bedingt als Kraftstoff für pflanzenöltaugliche Motoren. Leindotteröl kann
auch zu Biodiesel (Methylester) verarbeitet werden. Eine Verwendung als Speiseöl
ist ebenfalls möglich und hat derzeit die
Bedeutung eines Nischenprodukts. Unterschiedliche Einschätzungen liegen zur
Verwendbarkeit des Presskuchens in der Tierfütterung vor. Daher wird der
Presskuchen noch als unerwünschter Stoff in Mischfuttermitteln eingestuft. Durch
den Anbau von Leindotter im Mischanbau kann zur Erhöhung der Agrobiodiversität,
besonders auf leichten Böden und in Ökobetrieben, beigetragen werden. Dort sind
sichere, wenn auch niedrige Erträge zu verzeichnen. Der Presskuchen ist auch
energetisch in Biogasanlagen nutzbar.
Die Arznei- und Gewürzpflanzen sind ein Beispiel,
wie der Anbau alternativer Kulturen in den
letzten Jahren erfolgreich ausgeweitet werden konnte. Unsichere Preise,
stark schwankende Erträge, noch nicht ausgereifte Anbauverfahren vor allem im ökologischen Landbau und hohe Trocknungskosten
stehen der weiteren Ausdehnung der inländischen Produktion oft noch
entgegen. Dennoch stellt der Anbau von Arznei- und Gewürzpflanzen insbesondere
für kleinere und mittlere Betriebe eine interessante Alternative dar. Dies gilt
insbesondere dann, wenn vertragliche Regelungen dem Anbauer einen gesicherten
Absatz zu garantierten Preisen bieten. Allgemein ist ein zunehmendes Interesse
an pharmazeutischen und kosmetischen Produkten auf der Basis pflanzlicher
Wirkstoffe festzustellen. Mit dem Anbau von Arznei- und Gewürzpflanzen kann auch
auf den Trend reagiert werden, verstärkt Naturstoffe aus regionaler Produktion
zur Medikation bzw. in der Küche einzusetzen.
Zu den Farbstoffpflanzen wurden in den letzten 10–15
Jahren intensive Forschungs- und Entwicklungsarbeiten durchgeführt, in die auch
die verarbeitenden Unternehmen mit einbezogen waren. Diese Arbeiten haben
allerdings noch nicht zu einer deutlichen Steigerung des Färberpflanzenanbaus in
Deutschland geführt. Die angesprochenen Färberpflanzen sind vor allem für
Konsumenten mit allergischen Reaktionen auf synthetische Farben bedeutsam.
Der Anbau von Energiepflanzen wird mit einer
Flächenprämie von 45 Euro und bei der Verstromung zusätzlich nach dem
Energieeinspeisegesetz (EEG) gefördert. Damit können sie zur langfristigen
Sicherung der landwirtschaftlichen Einkommen beitragen. Die besprochenen
Energiepflanzen zeichnen sich durch schnelles Wachstum und Massenwüchsigkeit
aus. Dauerkulturen wie Miscanthus und Kurzumtriebsplantagen sind in Deutschland
noch nicht über das Versuchsstadium hinausgekommen.
Sudangras und Zuckerhirse gewinnen als Energiepflanzen
in Deutschland (speziell in Bayern) und Österreich an Bedeutung,
insbesondere für den Einsatz in Biogasanlagen. Positiv bewertet wird bei der energetischen Nutzung vor allem das im
Vergleich zu Mais deutlich geringere Risiko für Nährstoffauswaschung und
Bodenerosion. Weitere Vorteile sind die
geringeren Wasseransprüche und die guten Fermentierungseigenschaften.
Miscanthus verfügt über vergleichsweise günstige
Brennstoffeigenschaften. Sein geringer Wasser- und Nährstoffverbrauch
bedingen eine sehr effiziente Ressourcennutzung. Die geringen Aufwendungen für
den Pflanzenschutz sowie die langjährige Bodenruhe wirken sich auf die Fauna und
die Bodenfruchtbarkeit positiv aus. Trotz der günstigen Voraussetzungen findet
Miscanthus in Deutschland, entgegen ursprünglich sehr hohen Erwartungen, als
Energiepflanze bisher kaum Akzeptanz. Dabei spielen Schwierigkeiten in der
Bestandsetablierung, verbreitete Vorbehalte gegen Dauerkulturen und
verfahrenstechnische Risiken in der Ernte zur Winterzeit eine vorrangige Rolle.
Kurzumtriebsplantagen
mit
Pappeln und Weiden liefern hohe Biomasseerträge. Insbesondere
Pappeln können mit einem vergleichsweise geringen Düngereinsatz produziert
werden. Nach derzeitigem Kenntnisstand kann außerdem auf einen
Pflanzenschutzmitteleinsatz verzichtet werden. Bei zunehmender Anbauausdehnung
ist jedoch mit einem verstärkten Krankheits- und Schädlingsdruck zu rechnen. Die
Ernte der Kurzumtriebsplantagen erfordert eine gesonderte Erntetechnik.
Energieholzplantagen machen daher eine grundlegende Produktionsumstellung
erforderlich.
Alternative Anbauverfahren
Als alternative Anbauverfahren werden in diesem Bericht
Verfahren diskutiert, die der fortgesetzten Entkoppelung der Pflanzenproduktion
von den natürlichen Standortfaktoren entgegen wirken und damit tendenziell zur
Erhaltung oder zur Wiederherstellung der Multifunktionalität der Landwirtschaft
beitragen können. Sie sollen der Ressourcenschonung und der Erhaltung der
Biodiversität dienen. Eine eindeutige Grenzlinie zwischen konventionellen bzw.
auf die »Regeln guter fachlicher Praxis« im Pflanzenbau gestützten
Anbauverfahren und alternativen Anbauverfahren kann nicht gezogen werden. Im
Bericht werden Mischanbau, spezielle Reihenkulturen und Mulchverfahren
behandelt. Anbauverfahren wie die pfluglose Bodenbearbeitung, die mittlerweile
als Standardverfahren bereits etabliert sind, werden nicht behandelt.
Mischanbau
Der Begriff Mischanbau bezeichnet den gleichzeitigen
Anbau mehrerer Arten (und mehrerer Sorten gleicher Art) auf demselben
Feld mit unterschiedlichem Kontakt zwischen den Mischungspartnern. Für
Mischanbau werden auch die Begriffe Mischfruchtanbau und Gemengeanbau verwendet.
Der gemeinsame Anbau unterschiedlicher Pflanzenarten entspricht wesentlich mehr
der Vielfalt natürlicher Vegetationsdecken als Reinbestände. Der Mischanbau
stellt ein traditionelles Anbauverfahren dar, dessen Vorteile vor allem
in der Ertragsstabilität und in der Ressourcenschonung liegen. Die positiven
Effekte des Mischanbaus bestimmen sich aus dem Konkurrenzverhalten der Mischungspartner. Je
deutlicher die gegenseitige Förderung ist, desto größer sind auch die
Vorteile.
Als positive Wirkungen des Mischanbaus werden die
folgenden Effekte genannt:
-
Verminderung des Anbaurisikos, wenn sich die Mischungspartner in ihrer
Stresstoleranz und Krankheitsgefährdung wesentlich unterscheiden;
-
Nutzung von Ergänzungswirkungen (z.B. Stützfrucht);
-
Steigerung in der Nutzung der Sonneneinstrahlung durch
vergrößerten Blattflächenindex;
- Förderung der Unkrautunterdrückung durch stärkere
Beschattung der Bodenoberfläche;
- Verbesserung in der Ausnutzung des Standortes durch
Unterschiede im Bestandsaufbau und im Wurzelsystem der Mischungspartner;
- Erhöhung des Gesamtertrags je Flächeneinheit bei
geringerem Ertrag der einzelnen Mischungspartner;
-
Erhöhung der Ertragssicherheit auf Grenzstandorten;
- Verringerung des Einsatzes von Pflanzenschutzmitteln.
Der Mischanbau birgt aber auch eine Reihe von Risiken:
-
höhere technische Aufwendungen bei der Aussaat und Ernte;
-
Effizienzverlust insbesondere beim Einsatz von Stickstoffdüngern durch
unterschiedliche Ansprüche der Mischungspartner an Zeitpunkt und Höhe der Gabe;
- Erschwernisse bei der Bekämpfung von Krankheiten,
Schädlingen und Unkräutern durch unterschiedliche Sensibilität der
Mischungspartner gegenüber den ausgebrachten Mitteln;
-
Steigerung des Arbeitszeitaufwandes je Flächeneinheit;
- Steigerung des Aufwandes in den
Nachernteprozessen zur Reinigung, Separierung und Trocknung des
Erntegutes.
Der Züchtungsfortschritt
und die hohe Effizienz der Produktionsfaktoren (Düngung,
Pflanzenschutzmittel) haben die Vorteile des Mischanbaus stark reduziert und so
den Mischanbau zu Gunsten des Reinanbaus weitgehend aus der
konventionellen Landwirtschaft verdrängt. Dessen ungeachtet rechtfertigen
wissenschaftliche Untersuchungen und praktische Erfahrungen in den
zurückliegenden Jahrzehnten die Schlussfolgerung, dass der Mischanbau von
Körnerfrüchten zur stärkeren Ökologisierung der konventionellen Agrarproduktion
beitragen könnte. Der Beitrag besteht besonders in der Möglichkeit, den Einsatz
von Pflanzenschutzmitteln zu reduzieren.
Im ökologischen Landbau stellt der Mischanbau eine
Produktionsmethode zur Reduzierung von pilzlichen und tierischen Schaderregern
und zur Regulierung unerwünschter Wildpflanzen (Unkräuter) dar. Allerdings fehlt
es bei den Aussagen zum Pflanzenschutz noch an wissenschaftlichen Belegen.
Besondere Bedeutung kommt dem Mischfruchtanbau auf den Grenzstandorten der
einzelnen Körnerfrüchte zu. Hier trägt er durch Erweiterung der Artenvielfalt
wesentlich zur Stabilisierung der Pflanzenproduktion bei. Mit dem Mischanbau
ergeben sich auch neue Produktionsalternativen, wenn z.B. die Nahrungs- oder
Futtermittelproduktion mit der Erzeugung von
nachwachsenden Rohstoffen kombiniert wird. Der Mischanbau von Leguminosen
oder Getreide mit Leindotter ist dafür ein Beispiel. Diese Form der Produktion
von nachwachsenden Rohstoffen hat den Vorteil, dass sie auch auf
ertragsschwachen Standorten ohne Beeinträchtigung der Humusbilanz erfolgen kann.
Spezielle Reihenkulturen
Das im ökologischen Landbau entwickelte Konzept der
»Weiten Reihe« ist ein Beispiel für eine spezielle Reihenkultur. Die
limitierte N-Verfügbarkeit führt verbreitet zu geringen Rohproteingehalten und
dadurch zu einer unzureichenden Backqualität beim Weizen. Als Problemlösung
werden eine Vergrößerung des Reihenabstands auf bis zu 50 cm, eine Verminderung
der Saatstärke und ein Übergang zur Unkrautregulierung mit der Maschinenhacke
praktiziert.
Reihenkulturen wie »row
intercropping«, »strip intercropping« und »relay planting« spielen besonders unter den klimatischen
Verhältnissen in Entwicklungsländern eine wichtige Rolle und dienen dem
Erosionsschutz und der besseren Nährstoffnutzung. Sie erhöhen gleichzeitig die
Agrobiodiversität. Schon aus arbeitswirtschaftlichen Gründen ist eine
Übertragung auf die deutschen Verhältnisse schwierig. Systeme des »relay
planting» wie Untersaaten bzw. Einsaaten werden teilweise in Deutschland
genutzt, um Erosionsschutz und Nährstoffbindung zu erreichen.
»Alley cropping«
bezeichnet ein Anbauverfahren, das die Verbindung von landwirtschaftlichen
Kulturen mit mehrjährigen Gehölzen als Agroforst-System darstellt. An besonders
windexponierten Standorten in Deutschland existieren seit Jahrhunderten
Windschutzhecken. Neben dem Erosionsschutz fördern Windschutzstreifen die
Biodiversität und schaffen neue Habitate für Flora und Fauna. Die verwendeten
Gehölze sind häufig Obst- oder Nussarten (Schlehe, Sanddorn, Haselnuss u.a.),
deren Früchte für die menschliche Ernährung genutzt werden können. Innerhalb von
Weidenutzungssystemen können die angepflanzten Gehölzarten auch als Viehfutter
oder Schattenbäume dienen. Neue Einsatzmöglichkeiten wurden erfolgreich bei der
Rekultivierung von Bergbaufolgelandschaften in der Lausitz erprobt.
Mulchverfahren
Mulchverfahren beinhalten die vollständige oder teilweise
Bedeckung der Bodenoberfläche mit organischen Reststoffen. Primäres Ziel der
Mulchverfahren ist es, die Erosionsgefährdung der landwirtschaftlichen Flächen
zu reduzieren. Darüber hinaus werden weitere Effekte bei der Schonung des
Wasservorrats im Boden, der Verringerung des Unkrautdruckes und bei der
Regulierung der Bodentemperatur sowie der Aktivierung des Bodenlebens erreicht.
Mulchen wird meist mit Verfahren der reduzierten, nicht wendenden
Bodenbearbeitung und der direkten Aussaat verbunden. Oberflächiges
Einarbeiten oder Belassen von Ernterückständen auf dem Boden haben sich auf
vielen Standorten in Deutschland bereits bewährt, auch durch die Verfügbarkeit
wirksamer Herbizide zur verbesserten Unkrautkontrolle in diesen Systemen.
Arbeitswirtschaftliche Vorteile und die Reduzierung des
Dieselkraftstoffaufwandes gelten als Hauptvorteile. Mulchsaatverfahren können
heute bei fast allen landwirtschaftlichen Kulturen eingesetzt werden.
Handlungsmöglichkeiten
Aufbauend auf den vorhergehenden Analysen werden im Bericht
einige Handlungsmöglichkeiten abgeleitet. Diese gehen von der Voraussetzung aus,
dass eine verstärkte Nutzung von alternativen Kulturpflanzen und Anbauverfahren
angestrebt wird, um einen Beitrag zu einer höheren Agrobiodiversität zu leisten
und neue Absatzchancen für die Landwirtschaft zu erschließen.
Züchtung
Die geringe züchterische
Bearbeitung und die dadurch bedingten Wildpflanzeneigenschaften der
diskutierten alternativen Kulturpflanzen sind als ein zentraler Problembereich
herausgearbeitet worden. Daraus folgt, dass der Züchtungsforschung und Züchtung
bei den alternativen Kulturpflanzen ein zentraler Stellenwert zukommt.
Züchtungsarbeiten zu alternativen Kulturpflanzen, wie die
Arbeiten an der Universität Gießen zu Leindotter, stellen die Ausnahme dar. Eine
verstärkte Züchtung bei alternativen Kulturpflanzen wäre wünschenswert. Die
Züchtung alternativer Kulturpflanzen stellt eine mittel- bis längerfristige
Aufgabe dar, die erhebliche Investitionen erfordert, erst bei der Etablierung
von leistungsfähigen Sorten bzw. deutlich verbesserten Sorten Einnahmen
verspricht und auf absehbare Zeit nur einen begrenzten Markt erwarten lässt.
Deshalb handelt es sich um eine Aufgabe der öffentlichen Forschung, und es
bedarf der finanziellen Unterstützung privater Züchter.
Züchtungsziele für alternative Kulturpflanzen aus den behandelten
Pflanzengruppen könnten beispielsweise sein:
-
Züchtung auf Ertragssicherheit bei Leindotter,
-
Veränderung der Fettsäuremuster bei Leindotter,
-
Erhöhung des Fasergehalts in der Fasernessel,
-
Selektion auf größere Samenkörner bei Amarant, Reismelde und Leindotter,
- Züchtung von Sorten mit verminderter Ausfallneigung der Samen bei
Amarant und Reismelde.
Die Züchtung
alternativer Kulturpflanzen kann nur Fortschritte machen, wenn es zu
koordinierten Aktivitäten von Instituten für Pflanzenzüchtung an den
Hochschulen, der Bundesanstalt für Züchtungsforschung (BAZ), dem Institut für
Pflanzengenetik und Kulturpflanzenforschung (IPK Gatersleben), den
entsprechenden Landesinstitutionen zur Pflanzenzüchtung und privaten
Züchtungsunternehmen kommt.
Verbundforschung
Forschungsaktivitäten zu alternativen Kulturpflanzen und
Anbauverfahren haben bisher keinen hohen
Stellenwert. Forschungsbedarf wird insbesondere zur Systematisierung der
vorhandenen Kenntnisstände, zur Anbauerprobung alternativer Kulturpflanzen auf
verschiedenen Standorten und zur Weiterentwicklung ihrer Anbautechnik sowie zur
Überprüfung und Weiterentwicklung von Anbauverfahren gesehen. Erkenntnisse, die
unter konkreten Anbaubedingungen von Praktikern oder mittels »on-farm research«
gefunden wurden, sollten gebündelt und ausgewertet werden. Technische Lösungen,
die vielfach individuell auf Betriebsebene entstanden sind, sollten aufgegriffen
werden.
Verbundprojekte zu alternativen Anbauverfahren
sollten sich u.a. auf den Mischanbau konzentrieren und Untersuchungen zu
biologischen Grundlagen von Mischbeständen, zur Verbesserung der
Bestandsführung, zur Optimierung der Ernte, zur Wirtschaftlichkeit und zu den ökologischen Auswirkungen integrieren.
Forschungs-, Erprobungs- und Demonstrationsvorhaben sollten kombiniert
werden. Es sollten Fragestellungen des Mischanbaus sowohl in der konventionellen
Landwirtschaft als auch im ökologischen Landbau bearbeitet werden.
Bei den alternativen Kulturpflanzen gibt es Beispiele für
erfolgreiche Verbundprojekte über die gesamte Produktionskette, wie
beispielsweise die Projekte der Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe e.V. (FNR)
zu Färberpflanzen und Arzneipflanzen. Vergleichbare Aktivitäten für Verwendungen
als Nahrungsmittel fehlen bisher. In Verbundprojekten zu alternativen
Kulturpflanzen für den Nahrungsmittelbereich sollten Fragen der Züchtung,
des Anbaus, der Verarbeitung, der Vermarktung und der Nutzung der Nahrungsmittel
gemeinsam bearbeitet werden. Dabei wären Akteure aus Züchtung, Landwirtschaft,
Verarbeitung und Nahrungsmittelherstellung einzubeziehen.
Produktionssysteme der Industrieländer stellen oft ein
Vorbild für Entwicklungsländer dar. Der Wissens- und Technologietransfer läuft
in der Regel von den entwickelten Ländern zu
den Entwicklungsländern. Im Hinblick auf Nachhaltigkeit könnten
regionalspezifische Ansätze bei Anbaumethoden und Wahl der Kulturpflanzen in
Deutschland ein anderes Vorbild als moderne Hochtechnologien sein. Spezielle
Reihenkulturen könnten sogar ein Beispiel dafür sein, wie umgekehrt von
Entwicklungsländern gelernt werden könnte. Dazu sollte als erstes eine
Potenzialabschätzung
durchgeführt werden, um die Übertragungsmöglichkeiten auf deutsche
Verhältnisse zu überprüfen.
Forschung und Förderung zu nachwachsenden Rohstoffen
Die Förderung von Forschungs-, Entwicklungs- und
Demonstrationsvorhaben im Bereich der nachwachsenden Rohstoffe spielt in
Deutschland seit einigen Jahren eine wichtige Rolle. In diesem Zusammenhang sind
auch wiederholt Projekte zu alternativen Kulturpflanzen durchgeführt worden.
Diese Aktivitäten sollten fortgeführt werden,
insbesondere zu stofflichen Verwendungen alternativer Kulturpflanzen.
Dabei sollte an den Dialog zur stofflichen Verwertung von nachwachsenden
Rohstoffen, den das Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und
Verbraucherschutz (BMELV) mit der chemischen Industrie führt, angeknüpft werden.
Erhaltung und nachhaltige Nutzung pflanzengenetischer
Ressourcen
Das »Nationale
Fachprogramm für Genetische Ressourcen landwirtschaftlicher und gartenbaulicher
Kulturpflanzen« ist die Grundlage für die langfristige Erhaltung und Nutzung,
Forschung und Entwicklung genetischer Ressourcen im Bereich landwirtschaftlicher
und gartenbaulicher Kulturpflanzen sowie von Wildpflanzen in Deutschland.
Dieses Programm wurde unter Leitung des BMELV von einer Arbeitsgruppe aus
Vertretern von Bund und Ländern, Universitäten, Ressortforschung und Verbänden
erarbeitet und von der Agrarministerkonferenz im März 2002 in Bad Nauheim
verabschiedet.
Die Erhaltung pflanzengenetischer Ressourcen wird in einem
integrativen Ansatz unter Nutzung von In-situ-Erhaltung,
On-Farm-Bewirtschaftung und Ex-situ-Erhaltung angestrebt. Hinsichtlich der
Nutzung stehen zwei Ansätze im Vordergrund:
-
die Nutzung pflanzengenetischer Ressourcen für moderne Sorten, insbesondere der
Hauptkulturarten,
- die On-Farm-Bewirtschaftung von alten Kulturarten und Landsorten.
Im ersten Ansatz soll die Vielfalt pflanzengenetischer
Ressourcen durch Charakterisierung, Evaluierung, Dokumentation und züchterische
Erschließung verstärkt für moderne Sorten – insbesondere der Hauptkulturarten
– nutzbar gemacht werden. Beispiele hierfür sind die Nutzung von
Wildmaterial und Landsorten als wichtige Quelle für Resistenzgene. So geht das
Mehltauresistenzgen Pm5, das viele aktuelle Weizensorten enthalten, auf einen
asiatischen Stamm des Emmers (Triticum dicoccon) zurück. Gerstensorten,
die gegen das Gerstenvergilbungsvirus resistent sind, wurden durch Einkreuzen
von Landsorten aus Ostasien gewonnen.
Beim zweiten Ansatz ist das Netzwerk von
Kulturpflanzeninitiativen KERN hauptsächlich im Bereich gärtnerischer
Kulturpflanzenarten aktiv. Ergänzend gibt es einzelne Initiativen zur
On-Farm-Bewirtschaftung alter landwirtschaftlicher Kulturarten
und -sorten, insbesondere im ökologischen Landbau. Hauptziel dieser Aktivitäten
ist, die traditionellen pflanzengenetischen Ressourcen im Anbau gleichzeitig zu
erhalten und wirtschaftlich zu nutzen.
Eine dritte, auszubauende
Säule könnte sein, die Kulturartenvielfalt als Diversifizierungspotenzial für
die Landbewirtschaftung zu nutzen. Dieser Ansatz ist im Nationalen
Fachprogramm angesprochen. Damit geht es hauptsächlich um die Gewichtung
und die Umsetzung entsprechender Maßnahmen, wie die Förderung längerfristiger Züchtungsprojekte für bisher züchterisch vernachlässigte Kulturpflanzen.
Mit der züchterischen Weiterentwicklung von alternativen Kulturpflanzen zu
leistungsfähigen Sorten, die dann eine größere Kulturartenvielfalt in der
Pflanzenproduktion ermöglichen, könnte ein Beitrag zu einer höheren
Agrobiodiversität geleistet werden.
Die Richtlinie des BMELV zur Förderung von Modell- und
Demonstrationsvorhaben im Bereich der Erhaltung und innovativen nachhaltigen
Nutzung der biologischen Vielfalt sieht u.a. die »Entwicklung innovativer
Produkte und Verfahren auf der Basis genetischer Ressourcen für eine unter
wirtschaftlichen, sozialen und ökologischen Gesichtspunkten nachhaltige Nutzung«
vor. Dies könnte ein Ort sein, Projekte zur Nutzung alternativer Kulturpflanzen
zu fördern.
Agrarpolitische Rahmenbedingungen
Die Gemeinsame Agrarpolitik (GAP) der Europäischen Union
ist mit dem Luxemburger Beschluss vom 26. Juni 2003 ein weiteres Mal reformiert
worden. Die Europäische Kommission hatte im
Januar 2003 Vorschläge für eine weitere Reform der GAP vorgelegt.
Vorgeschlagen wurden im Wesentlichen eine Entkopplung der Direktzahlungen von
der Produktion, der weitere Abbau der Markt- und Preisstützung sowie eine
Stärkung der Politik für den ländlichen Raum. Der Rat der Europäischen Union ist
mit seinen Beschlüssen zur Reform der Agrarpolitik vom Juni 2003 den
Kommissionsvorschlägen in weiten Teilen gefolgt. Allerdings sind die Beschlüsse
weniger weitreichend als die Vorschläge ausgefallen, und den Mitgliedstaaten
wurden zahlreiche Wahlmöglichkeiten bei der Ausgestaltung des Prämiensystems eröffnet. Die Umsetzung in deutsches Recht
erfolgte im Jahr 2004, die Reform trat zu wesentlichen Teilen 2005 in
Kraft. Diese neuen agrarpolitischen Rahmenbedingungen haben auch Auswirkungen
auf die Chancen alternativer Kulturpflanzen und Anbauverfahren.
Im Mittelpunkt der Reformbeschlüsse steht die
Entkopplung
des größten Teils der bislang als Flächen- oder Tierprämien gewährten
Direktzahlungen von der landwirtschaftlichen Produktion. Damit werden die
Direktzahlungen von der landwirtschaftlichen Erzeugung auf den Landwirt
verlagert. Die Entscheidungsfreiheit der Landwirte wird sich somit erhöhen. Die
Landwirte haben in Zukunft die Möglichkeit, auf rentablere landwirtschaftliche
Produktionsrichtungen umzusteigen, ohne dabei Prämienansprüche zu verlieren.
Perspektivisch ist diese Entscheidungsfreiheit auch von Vorteil für alternative
Kulturpflanzen (und Anbauverfahren), da ihre Wahl keinen Einfluss auf
Prämienansprüche mehr hat. Kurzfristig wird dies aber aufgrund der mangelnden
Konkurrenzfähigkeit wenig verändern.
Voraussetzung für den
vollständigen Erhalt der entkoppelten und gekoppelten Direktzahlungen ist die Einhaltung von bestimmten
Bewirtschaftungsauflagen (Cross
Compliance). Diese Verpflichtungen umfassen Grundanforderungen an die Betriebsführung,
Anforderungen zur Erhaltung von Flächen in einem guten landwirtschaftlichen und
ökologischen Zustand sowie Regelungen zum Erhalt von Dauergrünland. Bei
Nichteinhaltung kommt es zu einer Kürzung beziehungsweise bei vorsätzlichen
Verstößen im Extremfall zu einem vollständigen Einbehalt der Zahlungen. Die
Cross-Compliance-Regelungen umfassen neben einschlägigen EU-Regelungen nationale
Mindestanforderungen zur Instandhaltung von Flächen und zum Bodenschutz.
Auswirkungen auf die Chancen von alternativen Kulturpflanzen und Anbauverfahren
sind nicht zu erwarten.
Mit der obligatorischen Modulation werden die
Direktzahlungen ab 2005 in allen Mitgliedstaaten um einen vorgegebenen
Prozentsatz gekürzt. Die frei werdenden Gelder erhöhen die den Mitgliedstaaten
zur Verfügung stehenden Mittel für ländliche
Entwicklungsmaßnahmen. Daneben wurde außerdem das Maßnahmenspektrum zur
Förderung der ländlichen Entwicklung ausgeweitet. Der Bund beteiligt sich im Rahmen der Gemeinschaftsaufgabe »Verbesserung der
Agrarstruktur und des Küstenschutzes« (GAK) über die Grundsätze zur
Förderung einer markt- und standortangepassten Landbewirtschaftung
u.a. an der Förderung ökologischer und umweltfreundlicher Anbauverfahren im
Ackerbau. Im Rahmen umweltfreundlicher Anbauverfahren im Ackerbau werden
schon heute der Anbau vielfältiger Fruchtarten sowie Mulch- oder
Direktsaatverfahren gefördert. Hier böte es sich an, den Mischanbau von
Körnerfrüchten als neue förderfähige Maßnahme aufzunehmen. Damit würde der
positive Einfluss auf die Agrobiodiversität über freiwillige
Agrarumweltmaßnahmen honoriert. Auf der Ebene der Bundesländer besteht darüber
hinaus die Möglichkeit, in den dortigen Agrarumweltprogrammen weitere
länderspezifische Maßnahmen zu integrieren.
Stand: Juni 2005 - buero@tab.fzk.de