Der Ausschuss für Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung hatte im
Juni 2003 beschlossen, das TAB mit einem TA-Projekt zum Thema »Moderne
Agrartechniken und Produktionsmethoden – ökonomische und ökologische Potenziale«
zu beauftragen. Aufbauend auf einem Vorschlag des Ausschusses für
Verbraucherschutz, Ernährung und Landwirtschaft sowie auf Anregungen aus dem
Berichterstatterkreis für TA, sollte in diesem TA-Projekt untersucht werden,
welche ökonomischen und ökologischen Potenziale Precision Agriculture für eine
nachhaltige Landbewirtschaftung bereitstellen könnte.
Der Bericht zu »Precision Agriculture« bildet den zweiten Teil der
abschließenden Berichterstattung zum TA-Projekt »Moderne Agrartechniken und
Produktionsmethoden – ökonomische und ökologische Potenziale«. Zuvor wurde der
Teilbericht »Alternative Kulturpflanzen und Anbauverfahren« vorgelegt.
PROBLEMSTELLUNG
Die Untersuchung moderner Produktionsmethoden soll zum einen anhand
agrartechnischer Entwicklungen im Bereich Precision Agriculture, zum anderen mit
Blick auf neue Entwicklungen bei alternativen Kulturpflanzen und Anbauverfahren
erfolgen. Zielsetzung ist es, politische Gestaltungsmöglichkeiten im Bereich
Forschungs- und Technologiepolitik, der Agrarumweltpolitik sowie der
agrarpolitischen Rahmenbedingungen herauszuarbeiten.
Während mit der Nutzung alternativer Kulturpflanzen und Anbauverfahren vor
allem ein Beitrag zum Erhalt der Agrobiodiversität geleistet werden soll, stehen
bei Precision Agriculture die teilflächenspezifische, an Standort und
Pflanzenbestand angepasste Bewirtschaftung und die damit verbundenen neuen
Potenziale, die Umweltbelastungen durch landwirtschaftliche
Bewirtschaftungsmaßnahmen – insbesondere durch die bedarfsgerechte Ausbringung
von Dünge- und Pflanzenschutzmitteln – zu verringern, im Vordergrund.
DEFINITION UND KOMPONENTEN
Precision Agriculture (PA) ist ein innovatives informationsgeleitetes
Managementkonzept der pflanzlichen Produktion, das auf verschiedenen neuen oder
weiterentwickelten Technologien aufbaut. Dazu zählen insbesondere
satellitengestützte Ortungssysteme, Sensortechnologien zur Datenerfassung sowie
Geoinformationssysteme. Mit PA können innerhalb einer Ackerfläche vorhandene,
kleinräumig variierende Bodenverhältnisse und Eigenschaften des Pflanzenbestands
erfasst und anhand dieser Informationen mit speziellen Systemen der
Informationsauswertung sowie geeigneter Gerätetechnik die pflanzenbaulichen
Maßnahmen räumlich und mengenmäßig präziser als bisher gestaltet werden. In
Abhängigkeit von der zeitlichen Beziehung zwischen Datenerfassung,
Entscheidungsfindung und Bewirtschaftungsmaßnahme wird bei den PA-Verfahren
grundsätzlich unterschieden zwischen Offlineverfahren (Kartieransatz),
Onlineverfahren (Sensoransatz) und der Kombination von Offline- und
Onlineverfahren (Sensoransatz mit Kartenüberlagerung).
- Bei Offlineverfahren besteht zwischen Datenerfassung, Erstellung des
Maschinenauftrags und Durchführung der Bewirtschaftungsmaßnahme kein
unmittelbarer zeitlicher Zusammenhang. Sie können eingesetzt werden, wenn die
Merkmale, auf deren Beeinflussung die Bewirtschaftungsmaßnahme abzielt, relativ
stabil sind, wie z.B. bei der Phosphatdüngung. Die Erfassung von Boden- und
Pflanzendaten sowie ihre Umsetzung in Applikationskarten sind vielfach erprobt
und prinzipiell praxisreif. Einschränkungen ergeben sich teilweise durch den
Arbeitsaufwand (z.B. bei manueller Bestimmung des Unkrautvorkommens) oder die
anfallenden Kosten (z.B. für Bodenbeprobungen und -analysen). Die entscheidenden
Schwachstellen der Offlineverfahren liegen bei der aufwendigen Verwaltung und
Analyse großer Datenmengen, bei der Dateninterpretation und Entscheidungsfindung
mit Hilfe von Regeln oder geeigneten Modellen sowie bei der Erstellung von
Applikationskarten, die hinreichend genau und kostengünstig produzierbar sind.
- Onlineverfahren werden eingesetzt, wenn es sich um schnell ändernde
Produktionsfaktoren (z.B. den Stickstoffbedarf der Kulturpflanzen) handelt und
eine zeitnahe Arbeitserledigung erforderlich ist. Dabei werden die relevanten
Merkmale (z.B. die Stickstoffversorgung des Pflanzenbestands) anhand von
optischen, mechanischen oder biochemischen Eigenschaften des Pflanzenbestands
indirekt auf dem Feld erfasst und die entsprechende Maßnahme (z.B. die
Stickstoffdüngerapplikation) wird unmittelbar daran gekoppelt ausgeführt. Die
wesentlichen Schwachstellen von Onlineverfahren sind die hinreichend genaue und
kostengünstige Datenerfassung mittels Sensoren, die für viele Anwendungsbereiche
noch im Stadium der Forschung und Entwicklung steckt, und die bislang
unzureichende Berücksichtigung maßnahmenunabhängiger Einflüsse (z.B.
Bodenwasservorrat) und Störgrößen (z.B. Belichtungsverhältnisse). Eine weitere
Schwachstelle sind – wie bei den Offlineverfahren auch – die z.T nicht
hinreichend genauen oder fehlenden pflanzenbaulichen Regeln zur Interpretation
der erfassten Sensordaten und zur Ableitung gesicherter Entscheidungsalgorithmen
für die (semi)automatische Umsetzung von Sensordaten in
Bewirtschaftungsmaßnahmen.
ANWENDUNGSFELDER
Anwendungsfelder für die informationsgeleitete Pflanzenproduktion mit PA
finden sich in allen wesentlichen Arbeitsschritten des ackerbaulichen
Produktionsprozesses. Weitere Einsatzgebiete sind die satellitengestützte
Spurführung mit visuellen Lenkhilfen oder Autopilotsystemen sowie die
vereinfachte, umfassende und räumlich wie zeitlich differenzierte Dokumentation
der durchgeführten Maßnahmen. Für einige Arbeitsschritte gibt es bereits
marktreife Verfahren zur Umsetzung einer teilflächenspezifischen
Bewirtschaftung. Dazu zählt die teilflächenspezifische Stickstoffdüngung mit
Onlineansätzen unter Verwendung von optoelektronischen Sensoren (z.B. Yara
N-Sensor oder dem CROP-Meter (auch Pendelsensor genannt). Der Stickstoffsensor
wird in Deutschland auf rund 400.000 ha – dies entspricht ca. 3,4 % der
Ackerfläche – eingesetzt, hauptsächlich in den neuen Bundesländern, ansatzweise
aber auch in Niedersachsen und Schleswig-Holstein.
Zur selektiven Unkrautbekämpfung sind erste Verfahren bis zur Praxisreife
entwickelt worden. Ein Beispiel ist die »sehende« Feldspritze, die Art und Menge
der Ungräser und Unkräuter erkennen und diese von den Kulturpflanzen
unterscheiden kann, und die in der Lage ist, bis zu drei Wirkstoffe gleichzeitig
auszubringen und die Aufwandmenge dem Befallsdruck anzupassen. Zur
teilflächenspezifischen Ausbringung von Fungiziden (und auch von
Wachstumsreglern) eignet sich der CROP-Meter, der anhand indirekter Merkmale
(Dichte des Pflanzenbestands) auf die Notwendigkeit einer Behandlung schließt.
Weitere sensorgestützte Ansätze zur indirekten und direkten Erkennung von
Pilzkrankheiten sind in der Entwicklung.
Im Bereich der satellitengestützten Spurführung sind verschiedene visuelle
Lenkhilfen sowie Autopilotsysteme auf dem Markt und es wird mit weiteren
Neuentwicklungen gerechnet. Die Vielzahl an Anbietern deutet darauf hin, dass
die Vorteile der dadurch grundsätzlich verringerten Belastung des Fahrers, der
zusätzlich möglichen Arbeitseinsätze (z.B. bei Nebel) sowie der potenziellen
Kostenreduktion (z.B. durch Vermeidung von Überlappungen bei der
Bodenbearbeitung) bei den Landwirten auf großes Interesse stoßen.
Die Ertragskartierung gehört zu den PA-Verfahren mit dem derzeit größten
Verbreitungsgrad, ist aber eher ein Verfahren zur Gewinnung
teilflächenspezifischer Informationen als eine eigentliche Anwendung. Sie stellt
– insbesondere, wenn diese zukünftig durch die Onlineerfassung der Qualität des
Ernteguts mittels Nahinfrarot-Spektroskopie ergänzt wird – ein
Qualitätskontrollsystem dar, das in Kombination mit teilflächenspezifischer
Bewirtschaftung eine Optimierung des Produktionsprozesses ermöglichen könnte.
Durch die Nutzung von Ertragspotenzialkarten zur teilflächenspezifischen Aussaat
können bei klassischen Reihenkulturen (z.B. Mais) und hohen Saatgutkosten
positive Effekte erzielt werden. Bei Getreide ist aufgrund seiner
Bestockungsfähigkeiten die teilflächenspezifische Aussaat – von Trockenlagen
abgesehen – für eine breite Anwendung jedoch eher fraglich. Dennoch bieten
Sämaschinenhersteller ihre Geräte auch mit PA-Ausrüstung an.
Einige weitere PA-Anwendungen wurden ebenfalls bis zur Praxisreife
entwickelt, ohne dass sich bislang jedoch eine breitere Anwendung abzeichnet.
Hierzu gehört die teilflächenspezifische Grunddüngung mit Phosphat und Kalium.
In der Entwicklung befindliche Sensoransätze könnten dazu beitragen, den hierfür
derzeit erforderlichen hohen Aufwand für Bodenbeprobungen und Bodenanalysen auf
ein praktikables Niveau zu senken. Die Vorteilhaftigkeit des Verfahrens ist
allerdings aufgrund des bei diesen Nährstoffen angewandten Prinzips der
Vorratsdüngung schwierig zu beurteilen. Es könnte zukünftig aber aufgrund der
knapper und damit teurer werdenden Phosphatressourcen an Bedeutung gewinnen.
Zunehmendes Interesse könnte auch der Einsatz von PA zur Regulierung von
Bodenversauerung durch teilflächenspezifische Kalkung erlangen. Für die
teilflächenspezifische Anpassung der Bodenbearbeitungstiefe existiert ein
Verfahren, das von einem Gerätehersteller vermarktet wird. In der Praxis spielt
diese PA-Technik bislang jedoch keine Rolle, obwohl sie bei entsprechender
Standortheterogenität signifikante Kraftstoffeinsparungen ermöglichen könnte.
Auch der ökologische Landbau bietet Anwendungsfelder für PA. Hier sind v.a.
PA-Techniken zur mechanischen bzw. thermischen Unkrautregulierung und die
teilflächenspezifische Ausbringung organischer Dünger – die
teilflächenspezifische Ausbringung von Gülle wird zurzeit in von der Deutschen
Bundesstiftung Umwelt finanzierten Feldversuchen getestet – von Interesse. Die
sensorgesteuerte Querhacke ist eine bis zur Marktreife entwickelte PA-Anwendung
zur Unkrautregulierung. Wegen zu hoher Kosten und zu geringer Schlagkraft
gelangte sie allerdings bislang nicht in die kommerzielle Fertigung. Auch der
Einsatz von PA zur teilflächenspezifischen Ernte (z.B. von Qualitätsgetreide)
sowie zur Dokumentation betrieblicher Maßnahmen stellen für den ökologischen
Landbau attraktive Optionen dar. Weiterführende Aussagen zu PA-Anwendungen im
Ökolandbau finden sich im TAB-Hintergrundpapier Nr. 12 (»Stand und Perspektiven
des Einsatzes von moderner Agrartechnik im ökologischen Landbau«).
STAND DER FORSCHUNG
In Deutschland sind zahlreiche Hochschulen und private Unternehmen in der
Forschung zu PA engagiert. Mehrere erfolgreiche Verbundprojekte wurden in den
vergangenen Jahren durchgeführt, und einige neue Projekte wurden gestartet (z.B.
das BMBF-Verbundprojekt preagro II). Auch auf europäischer Ebene wurden in den
vergangenen Jahren Projekte zu PA gefördert; insgesamt jedoch waren die
eingesetzten Mittel relativ bescheiden. Außerhalb Europas wird z.T. intensive
Forschung mit unterschiedlichen Schwerpunkten betrieben. Während in den USA die
Reduzierung des Einsatzes von Dünger und Pflanzenschutzmitteln im Vordergrund
steht, erwartet man in Japan, dass PA einen Beitrag zur Behebung der
strukturbedingten Probleme der Landwirtschaft leisten wird.
ÖKONOMISCHE ASPEKTE
Eine Wirtschaftlichkeit von PA-Anwendungen ist dann gegeben, wenn der
Mehrerlös aufgrund von Betriebsmitteleinsparungen und höheren Erträgen die durch
Anschaffung und Verwendung der PA-Technik anfallenden Ausgaben übersteigt.
Während die Kosten für die Datenerfassung und Entscheidungsmodelle sowie die
Applikations- und Navigationstechnik bekannt sind und relativ genau beziffert
werden können, lässt sich der Nutzen von PA-Verfahren nur grob abschätzen, da er
von verschiedenen, teilweise nicht beeinflussbaren Faktoren (z.B.
Witterungsverlauf) abhängig ist und die zu erwartenden Effekte je nach
Bewirtschaftungsschritt, feldinterner Standortheterogenität, angebauter
Kulturpflanze und Produktionsintensität unterschiedlich ausfallen.
Durch eine teilflächenspezifische Stickstoffdüngung kann der
Mineraldüngeraufwand auf heterogenen Feldern im Durchschnitt um etwa 7 % bzw. 14
kg N/ha reduziert werden, bei konstanten oder um bis zu 6 % höheren Erträgen. Im
Bereich der Grunddüngung und Kalkung sind ebenfalls Einsparungen beim
Düngereinsatz möglich, mit nennenswerten Ertragseffekten wird dagegen nicht
gerechnet. Auch im Pflanzenschutz führt der Einsatz von PA zu positiven
Ergebnissen: Bei der Ausbringung von Herbiziden können im Durchschnitt rund 50 %
der Aufwandmenge (Spanne von 10 bis 90 %) eingespart werden. Ebenso scheinen bei
der Fungizidapplikation mit dem CROP-Meter Einsparungen in der Größenordnung von
10 bis 20 % realisierbar; ähnliches dürfte für die Ausbringung von
Wachstumsreglern gelten. Hinweise auf deutliche Einsparungen im Kraftstoffbedarf
gibt es bei der teilflächenspezifischen Bodenbearbeitung. Bei der
teilflächenspezifischen Aussaat sind positive Effekte (gleicher Ertrag bei
reduzierter Saatstärke) bei Reihenkulturen (z.B. Mais) möglich. Zu den
ökonomischen Effekten einer visuell unterstützenden oder automatischen
Spurführung liegen bislang keine Ergebnisse vor. Es kann jedoch davon
ausgegangen werden, dass durch Reduktion der üblicherweise auftretenden
Überlappungen bei der Bodenbearbeitung und Ausbringung organischer Dünger
Einsparungen von Betriebsmitteln möglich sind.
Da die Wirtschaftlichkeit teilflächenspezifischer Maßnahmen von den
jeweiligen Produktionsbedingungen abhängen, sind sie nicht ohne Weiteres
verallgemeinerbar. Grundsätzlich gilt jedoch, dass PA-Anwendungen um so eher die
Wirtschaftlichkeitsschwelle erreichen, je größer die bewirtschafteten Flächen
und je heterogener die Standortbedingungen sind. Gegenwärtig ist die
teilflächenspezifische Applikation von Stickstoff und Phosphat sowie von
Herbiziden und Wachstumsreglern in Winterweizen erst dann wirtschaftlich, wenn
nennenswerte Betriebsmitteleinsparungen erzielt oder die
Investitionskosten für PA-Anwendungen (oder die Datenerfassung) deutlich gesenkt
und Einsatzflächen von mehreren hundert ha/Jahr erreicht werden können. Die
durchschnittliche landwirtschaftliche Betriebsgröße umfasst im Vergleich dazu
nur rund 50 ha. Bei einer geringen betrieblichen Flächenausstattung können
PA-Verfahren nur bei überbetrieblicher Organisation des Maschineneinsatzes
wirtschaftlich eingesetzt werden.
AKZEPTANZ
Die in der Praxis hauptsächlich eingesetzten PA-Verfahren sind die
Flächenvermessung, die Bodenbeprobung und die Ertragskartierung, alles Verfahren
die der Informationsgewinnung dienen. Im Gegensatz dazu werden PA-Verfahren, die
die gewonnenen Informationen in teilflächenspezifische Bewirtschaftungsmaßnahmen
umsetzen (z.B. die teilflächenspezifische Stickstoffdüngung), deutlich weniger
häufig eingesetzt. Spurführungssysteme auf der Grundlage satellitengestützer
Ortungssysteme werden bereits von jedem vierten PA-Nutzer (bei den
Lohnunternehmern ist es jeder zweite PA-Nutzer) angewandt.
PA wird insbesondere von jungen, gut ausgebildeten Landwirten mit
überdurchschnittlich großer Flächenausstattung sowie in betriebsübergreifenden
Bewirtschaftungsformen (z.B. Maschinengemeinschaft) eingesetzt. Die
durchschnittliche Betriebsgröße von PA-Nutzern liegt zwischen 1.080 ha (2001)
und 904 ha (2005). Wesentliche Gründe für den Einsatz sind der zu erwartende
Erkenntnisgewinn über die Produktionsstandorte und die dadurch größere
Entscheidungssicherheit sowie ökonomische Motive. Allerdings erwarten die
meisten Landwirte Gewinnsteigerungen erst nach einer Einarbeitungs- und
Anwendungsphase von fünf bis zehn Jahren.
Der überwiegende Teil der Landwirte hat zurzeit nicht die Absicht, in PA zu
investieren, was angesichts der schwierigen und unsicheren wirtschaftlichen
Rahmenbedingungen in der Landwirtschaft, die generell kein günstiges Klima für
Neuinvestitionen schaffen, nicht verwunderlich ist. Die ablehnende Haltung zu PA
wurzelt darüber hinaus in unzureichenden Kenntnissen über die Effekte von PA
sowie in fehlenden konkreten Praxisempfehlungen. Weitere Akzeptanzhemmnisse sind
fehlende technische Normen bei Geräteschnittstellen, Bedenken bezüglich der
Funktionalität und Zuverlässigkeit der Technik und Befürchtungen hinsichtlich
des Zeitbedarfs für Einarbeitung, Managementaufgaben und Weiterbildung. Diese
Unsicherheiten führen dazu, dass bei Neuanschaffungen die Wahl zuerst auf solche
Verfahren und Techniken fällt, mit denen eine schlagkräftigere und rasch
kostensenkende Produktion bei möglichst geringem Arbeitsaufwand möglich ist. PA
ist dagegen eher mit schwer abschätzbaren Mehrerlösen sowie einem anfänglich
höheren Managementaufwand verbunden und erfordert ein gutes
informationstechnisches Verständnis.
ÖKOLOGISCHE WIRKUNGEN
Ökologisch positive Effekte können durch verschiedene PA-Anwendungen erzielt
werden. Mit der differenzierten mineralischen Stickstoffdüngung können i.d.R.
Düngereinsparungen bei gleich bleibenden oder sogar höheren Erträgen erzielt
werden. Auch durch die teilflächenspezifische Bodenbearbeitung und Aussaat
können durch die damit verbundene Verringerung des Treibstoff- und
Saatgutverbrauchs positive Umweltauswirkungen erreicht werden. Die größten
Reduktionen bei den Aufwandmengen ergeben sich durch die differenzierte
Applikation von Pflanzenschutzmitteln. Die ausgebrachten Mengen – insbesondere
bei Herbiziden – können im Durchschnitt um die Hälfte verringert werden. Der
Einsatz von PA in der Bekämpfung von Unkräutern und Pilzbefall könnte auch zur
Verbesserung der Wirksamkeit des Resistenzmanagements beitragen, da hierdurch
eine innerhalb der Felder räumlich differenzierte Mittelanwendung möglich wäre.
Grundsätzlich könnten PA-Techniken auch zur Erbringung von Leistungen für den
Arten- und Biotopschutz in der Agrarlandschaft eingesetzt werden, beispielsweise
durch das gezielte Aussparen sensibler Bereiche bei der Ausbringung von
Pflanzenschutzmitteln zum Schutz kleinräumiger Biotope in der Agrarlandschaft,
die Berücksichtigung spezieller Habitatansprüche und die Einhaltung von
Nutzungsauflagen (z.B. Abstandsauflagen in der Nähe von Fließgewässern).
NACHHALTIGKEITSPOTENZIALE
Die Einordnung von PA in den Kontext nachhaltiger Entwicklung in der
Landwirtschaft zeigt, dass PA zur Erreichung verschiedener ökologischer
Nachhaltigkeitsziele gewisse Beiträge leisten kann. So ist es möglich, durch
eine mineralische Düngung mit PA lokale Stickstoff- bzw. Phosphatüberschüsse
abzubauen. Allerdings ist dabei zu bedenken, dass die flächenspezifischen
Stickstoff- und Phosphorbilanzen reiner Ackerbaubetriebe überwiegend
ausgeglichen sind und die Probleme zu hoher Stickstoff- und Phosphorsalden
insbesondere in Gebieten mit regional verdichteten Tierbeständen und hohem
Aufkommen an Wirtschaftsdünger auftreten. PA-Verfahren für die Ausbringung
organischer Dünger sind aber erst in der Entwicklung und ändern auch nichts an
der Ursache des Problems, das insbesondere aus einer regional verdichteten,
intensiven Tierhaltung resultiert.
Die hohen Reduktionspotenziale beim Einsatz von PA im Pflanzenschutz zeigen,
dass PA zur Erreichung des von der Agrarministerkonferenz vom März 2005
beschlossenen Ziels, den Aufwand an Pflanzenschutzmitteln in den nächsten zehn
Jahren um 15 % zu reduzieren, beitragen kann. Da die in Deutschland insgesamt
ausgebrachte Menge an Pflanzenschutzmitteln vom Getreideanbau (auf 59 % der
Ackerfläche) bestimmt wird, könnte dieser Beitrag jedoch eher bescheiden
ausfallen, sofern es nicht gelingt, PA-Verfahren für den
Pflanzenschutzmitteleinsatz in Getreide zu entwickeln. Zwar gibt es in der
Forschung entwickelte Verfahren zur teilflächenspezifischen Herbizidapplikation
in Getreide, diese sind jedoch noch nicht praxisreif.
Durch die Nutzung von PA in der Bodenbearbeitung könnten grundsätzlich der
Treibstoffverbrauch und die Gefahr von Bodenerosion bzw. -verdichtung verringert
und so Beiträge zur Erreichung wichtiger Nachhaltigkeitsziele geleistet werden.
Verglichen mit alternativen Verfahren, wie der konservierenden Bodenbearbeitung,
wären die Effekte der Anwendung von PA zur räumlich differenzierten
Bodenbearbeitung jedoch deutlich geringer. Allerdings ist noch unklar, ob einige
positive Effekte der konservierenden Bodenbearbeitung (z.B. Förderung der
Bodenfruchtbarkeit) durch den Einsatz von PA gesteigert werden könnten.
Ein weiteres Nachhaltigkeitsziel ist der Erhalt der Artenvielfalt in der
Agrarlandschaft. Da der Einsatz von PA zu einer – im Sinne einer
Gewannebewirtschaftung ggf. auch virtuellen – Vergrößerung der Felder genutzt
werden kann, sind hierdurch unerwünschte Auswirkungen auf den Erhalt von Flora
und Fauna in der Agrarlandschaft möglich. Technisch wäre es machbar,
schützenswerte kleinräumige Bereiche in der Agrarlandschaft zu identifizieren
und mit PA restriktiv zu bewirtschaften oder sie ganz aus der Nutzung zu nehmen.
In der Praxis scheitert der Einsatz von PA zum Schutz von Biotopen jedoch daran,
dass es methodisch schwierig ist, Teilflächen bestimmte Schutzziele zuzuordnen.
Entsprechende einfache Einstufungssysteme für die landwirtschaftliche Praxis
werden zurzeit erprobt. Hier stellt sich aber die Frage, ob es nicht einfachere
und kostengünstigere Wege (z.B. spezielle Agrarumweltprogramme) gibt, um die
Ziele erhöhter Lebensraumvielfalt und Artenvorkommen in der agrarisch genutzten
Landschaft zu erreichen.
Für die ökologische Dimension nachhaltiger Landbewirtschaftung lässt sich
zusammenfassend festhalten, dass PA verschiedene Umweltentlastungspotenziale
besitzt, diese aber begrenzt sind: Erstens ist die erforderliche PA-Technik für
einen großflächigen Einsatz noch nicht verfügbar (z.B. fehlen PA-Verfahren zur
Herbizidapplikation in Getreide, der wichtigsten Kulturpflanze in Deutschland),
zweitens stehen die PA-Verfahren in Konkurrenz zu anderen Technologien (z.B.
Verfahren der konservierenden Bodenbearbeitung) oder Bewirtschaftungsweisen
(z.B. Ökolandbau) und drittens können die bestehenden Nachhaltigkeitsdefizite
der Landwirtschaft nur teilweise durch den Einsatz moderner Technik behoben
werden (z.B. Nährstoffüberschüsse aufgrund regional konzentrierter intensiver
Tierhaltung).
Betrachtet man die ökonomischen Wirkungen von PA, so stellt sich dies unter
Nachhaltigkeitsgesichtspunkten kritisch dar, da von PA-Anwendungen – wie bei
vielen die Effizienz steigernden Techniken – langfristig arbeitsplatzmindernde
Wirkungen ausgehen können. Da der Einsatz von PA mit zunehmender Betriebsgröße
wirtschaftlicher wird, könnte eine verstärkte Nutzung dieser Technologie auch zu
einer Beschleunigung des Strukturwandels in der Landwirtschaft führen. In den
nächsten Jahren dürften PA-Anwendungen dagegen zu einem zunächst höheren
Managementaufwand führen und somit mittelfristig einen etwas höheren, mindestens
aber gleichen Arbeitskräftebedarf erfordern wie die flächeneinheitliche
Bewirtschaftung. Außerdem dürften durch den mit PA-Anwendungen verbundenen
Bedarf an Aus- bzw. Weiterbildungskapazitäten sowie »IT-Support« sowohl in der
Landwirtschaft als auch im Dienstleistungssektor positive Arbeitsplatzeffekte
verknüpft sein.
Die mit dem Einsatz von PA verbundenen positiven Beiträge zu einer ökologisch
nachhaltigen Landwirtschaft und zur Sicherung und Aufwertung von Arbeitsplätzen
in der Landwirtschaft und im ländlichen Raum dürften insgesamt eher bescheiden
ausfallen, wenn sich an den wirtschaftlichen Rahmenbedingungen nichts ändert
oder keine speziellen Anreize für die Anwendung von PA in der Praxis geschaffen
werden, da ansonsten auch zukünftig nur von einer eher geringen Diffusion von
PA-Anwendungen ausgegangen werden muss. Wie groß die Beiträge von PA zur
Erreichung einer nachhaltigen Landwirtschaft insgesamt sein könnten, hängt u.a.
vom Umfang bestehender feldinterner Standortheterogenitäten auf der
landwirtschaftlich genutzten Fläche, den angebauten Kulturpflanzen und der
Produktionsintensität ab; hierzu liegen jedoch keine Untersuchungen vor.
HANDLUNGSMÖGLICHKEITEN: FORSCHUNG UND ENTWICKLUNG
Trotz der bisherigen Forschungsanstrengungen existieren beim gegenwärtigen
Stand der Technik zum teilflächenspezifischen Pflanzenbau noch verschiedene
ungelöste technische, fachliche und methodische Herausforderungen, die eine
rasche und breite Praxiseinführung von PA verhindern. Forschungsbedarf besteht
insbesondere bei der Entwicklung von Onlineverfahren der vereinfachten
Bodenanalyse, weil hierdurch die Wirtschaftlichkeit der teilflächenspezifischen
Grunddüngung verbessert werden kann. Bei der Weiterentwicklung von
Sensorsystemen zur teilflächenspezifischen Stickstoffdüngung erscheint es
empfehlenswert, einen Schwerpunkt auf die Entwicklung von Verfahren zur
Berücksichtigung von Störgrößen (z.B. Belichtungsverhältnisse) und anderen
Einflüssen (z.B. Bodenwasservorrat, Pilzbefall) auf die mit Sensoren erfassbaren
Pflanzenparameter zu legen. Im Pflanzenschutz besteht Forschungsbedarf zur
Entwicklung geeigneter, kostengünstiger Sensoren, die in der Reihe einerseits
zwischen Kultur- und Unkrautpflanzen und andererseits zwischen Unkräutern und
Ungräsern hinreichend sicher unterscheiden können. Dafür geeignete Systeme
befinden sich in der Entwicklung, sind aber für eine Herbizidapplikation noch
nicht marktreif. Um PA-Verfahren zukünftig auch zur selektiven Bekämpfung von
Pflanzenkrankheiten einsetzen zu können, müssten Verfahren zur eindeutigen und
kostengünstigen, automatisierten Erkennung von Pilzbefall im Anfangsstadium und
praktikable Entscheidungsmodelle zur Fungizidapplikation entwickelt werden.
Der ökologische Landbau wird in bestimmten Anwendungsfeldern von der
Forschung zu PA profitieren können, die gegenwärtig vorwiegend auf die
Anforderungen der konventionellen Landwirtschaft ausgerichtet ist. Umgekehrt
könnte jedoch auch die konventionelle Landwirtschaft aus einer Forschung zu PA
Nutzen ziehen, die Anliegen des Ökolandbaus mit berücksichtigt. Dies gilt
insbesondere für die Entwicklung von PA-Anwendungen zur mechanischen
Unkrautregulierung und zur Ausbringung von Wirtschaftsdünger.
Zur besseren Umsetzung der mit PA-Verfahren erfassten Boden- und
Pflanzenparameter in teilflächenspezifische Bewirtschaftungsmaßnahmen wäre eine
Weiterentwicklung von Modellen zur Entscheidungsfindung und von Algorithmen zur
Steuerung der Applikationstechnik wünschenswert. Weiterer Forschungsbedarf
besteht darin zu klären, ob der Einsatz von PA ein geeignetes Instrument wäre
zur effizienten Erfüllung der umfassenden und in der Zukunft weiter
steigenden Nachweis- und Aufzeichnungspflichten in der Landwirtschaft.
HANDLUNGSMÖGLICHKEITEN: NACHHALTIGKEITS- UND
FOLGENANALYSE
Um verlässlichere Aussagen zu den möglichen Beiträgen von PA zur Erreichung
von Nachhaltigkeitszielen machen zu können sind Analysen zur Abschätzung
erforderlich, in welchen Regionen Deutschlands aufgrund von feldinternen
Standortheterogenitäten und entsprechenden Betriebsstrukturen PA sinnvoll
eingesetzt werden könnte. Forschungsbedarf besteht auch bei der Entwicklung von
Szenarien zum Einsatz von PA (in Deutschland und der EU) unter zukünftigen
agrarpolitischen Rahmenbedingungen und zur Abschätzung der damit verknüpften
ökonomischen, agrarstrukturellen, ökologischen und sozialen Folgewirkungen auf
sektoraler Ebene. Das Grundproblem von Nachhaltigkeitsabschätzungen
landwirtschaftlicher Maßnahmen dagegen ist PA-unspezifisch und ein
übergreifendes Forschungsdesiderat: Hier bedarf es der Weiterentwicklung
geeigneter Kenngrößen, Ziele und Indikatoren zur Messung nachhaltiger
ökonomischer und sozialer Entwicklung in der Landwirtschaft.
EINFLUSS DER AGRARPOLITIK AUF DIE DIFFUSION VON PA
Die Liberalisierung der Agrarmärkte und die vollständig von der Produktion
entkoppelten Direktbeihilfen führen tendenziell zu sinkenden Preisen für
Agrarprodukte und teilweise zu geringeren Betriebseinkommen bei gleichzeitig
eher steigenden Preisen für Betriebsmittel. In diesem zunehmend schwierigen
wirtschaftlichen Umfeld sind die Landwirte an der Erschließung neuer,
lukrativerer Absatzmärkte (z.B. Erzeugung von Bioenergie) sowie an Techniken und
Verfahren interessiert, die zu einer Senkung der Produktionskosten oder einer
Erhöhung der Arbeitsleistung und damit zu einer Verbesserung der
Wirtschaftlichkeit führen. Vor diesem Hintergrund sehen gegenwärtig viele
Betriebe davon ab, in neue Techniken wie PA zu investieren, da diese einen
zusätzlichen Kapitaleinsatz und anfänglich einen erhöhten Managementaufwand
erfordern und nur bedingt zur raschen Verbesserung der Betriebseinkommen
beitragen können.
Dennoch könnte der Einsatz von PA als IT-basiertes landwirtschaftliches
Managementsystem zukünftig auf größeres Interesse stoßen, weil PA zur Erfüllung
umfassender und möglicherweise weiter steigender Dokumentationspflichten
herangezogen werden kann und weil mit PA Kostensenkungs- und
Ertragssteigerungspotenziale identifiziert und realisiert werden können. Des
Weiteren könnten PA-Techniken auch in arbeitssparende, extensivere
Anbauverfahren (z.B. teilflächenspezifische Bearbeitungsintensität oder -tiefe
bei der konservierenden Bodenbearbeitung) integriert werden, was bei
ausreichend niedrigen Anschaffungspreisen zu wirtschaftlichen Vorteilen
insbesondere für große Betriebe führen könnte. Wenn außerdem zukünftig
PA-Techniken angeboten würden, die weitestgehend eine Automatisierung der
PA-spezifischen Arbeitsabläufe gewährleisten, so könnten diese Techniken auch
unter zunehmendem Wirtschaftlichkeitsdruck und wachsenden Anforderungen an den
Umweltschutz und die Dokumentation landwirtschaftlicher Produktionsprozesse für
mehr landwirtschaftliche Betriebe wirtschaftlich interessant werden.
HANDLUNGSMÖGLICHKEITEN: DIFFUSION VON PA
Das Wissen über PA sollte in der Meisterausbildung und der studentischen
Ausbildung an Fachhochschulen und Universitäten fest verankert werden. Auch im
Bereich der landwirtschaftlichen Beratung und Weiterbildung besteht Bedarf an
Förderung der Kenntnisse über PA. Die Diffusion von PA könnte z.B. durch einen
Investitionszuschuss für innovative Produktionsverfahren gefördert werden.
Außerdem könnten die Verbreitung und dauerhafte Etablierung von PA-Anwendungen
sowohl durch Maßnahmen zur Verteuerung umweltbelastender Betriebsmittel als auch
durch entsprechende Vorschriften zum Umgang mit diesen Betriebsmitteln bzw. zur
räumlich und zeitlich differenzierten Dokumentation der Maßnahmen gefördert
werden.
Stand: Dezember 2005 -
buero@tab.fzk.de