»The
most profound technologies are those
that disappear« Mark Weiser, Xerox PARC (1991a)
Was ist Ubiquitäres Computing?
Unter dem Begriff »Ubiquitäres Computing« (UbiComp) wird
die Allgegenwärtigkeit von Informationstechnik und Computerleistung verstanden,
die in prinzipiell alle Alltagsgegenstände eindringen. Computerleistung und
Informationstechnik können damit auf einem neuen Niveau gesellschaftliche
Bereiche erfassen – von der industriellen Produktion bis in den privaten Alltag.
Vorstellbar sind zahllose kleinste, miteinander über Funk
kommunizierende Mikroprozessoren, die mehr oder weniger unsichtbar in Dinge
eingebaut werden können. Mit Sensoren ausgestattet, können diese kleinen
Computer die Umwelt des Gegenstands, in den sie eingebettet sind, erfassen und
diesen mit Informationsverarbeitungs- und Kommunikationsfähigkeiten ausstatten.
Diese Möglichkeit verleiht Gegenständen eine neue, zusätzliche Qualität – sie
»wissen« zum Beispiel, wo sie sich befinden, welche anderen Gegenstände in der
Nähe sind und was in der Vergangenheit mit ihnen geschah. Auf lange Sicht kann
Ubiquitäres Computing sämtliche Lebensbereiche durchdringen: Es steigert den
Komfort des privaten Wohnbereichs und erhöht die Energieeffizienz;
»intelligente« Fahrzeuge machen Verkehrswege sicherer; lernfähige persönliche
Assistenzsysteme steigern die Arbeitsproduktivität im Büro; und im medizinischen
Bereich überwachen im plantierbare Sensoren
und Kleinstcomputer den Gesundheitszustand des Nutzers.
Diese Allumfassendheit schlägt sich auch in einer Vielzahl
fast deckungsgleicher Begriffe nieder, wie z. B. »Pervasive Computing«, »Ambient
Intelligence« oder »Internet der Dinge«. Die Unterschiede dieser Begriffe sind
allerdings in der Praxis eher akademischer Natur: Gemeinsam ist allen das Ziel
einer Unterstützung des Menschen sowie einer durchgängigen Optimierung und
Förderung wirtschaftlicher und sozialer Prozesse durch eine Vielzahl von in die
Umgebung eingebrachten Mikroprozessoren und Sensoren. Ubiquitäres Computing
zeichnet sich demnach durch folgende Eigenschaften aus:
-
Dezentralität bzw. Modularität der Systeme und deren umfassende
Vernetzung,
-
Einbettung der Computerhardware und -software in andere Geräte und
Gegenstände des täglichen Gebrauchs,
-
mobile Unterstützung des Nutzers mit Informationsdiensten an jedem
Ort und zu jeder Zeit,
-
Kontextsensitivität und
Anpassung des Systems an die aktuellen Informationserfordernisse,
-
automatische Erkennung und autonome Bearbeitung wiederkehrender
Aufgaben ohne Nutzereingriff.
Zu den typischen Endgeräten zählen kleine mobile Computer, Weiterentwicklungen
heutiger Mobiltelefone, sogenannte »Wearables« wie intelligente Textilien oder
Accessoires sowie computerisierte Implantate.
Ubiquitäres Computing im Internationalen Vergleich
Ubiquitäres Computing und die damit verbundenen
Vorstellungen haben in den vergangenen etwa zehn Jahren Eingang in die
Forschungspolitik der meisten entwickelten Staaten gefunden, die allerdings
verschiedenen Leitbildern folgen. Die neuen Technologien werden dabei als Mittel
für die Realisierung sehr unterschiedlicher Ziele verwendet, die von der Wahrung
einer wissenschaftlich-technologischen Spitzenposition über die Sicherung und
den Ausbau der wirtschaftlichen Wettbewerbsfähigkeit bis hin zur Transformation
und Modernisierung der Gesellschaft reichen.
In den Vereinigten Staaten wurde das Ubiquitäre Computing schon in den späten 1990er
Jahren von den wichtigsten zivilen und militärischen
Forschungsförderungsinstitutionen aufgegriffen. Seit dem Jahr 1999 sind Themen
des Ubiquitären Computings (allumfassende Vernetzung, eingebettete Systeme) auf
der Liste der wichtigsten Trends in der Informationstechnik dieser Institutionen
vertreten, allerdings wurde auf die Entwicklung einer umfassenden
gesellschaftspolitischen Vision verzichtet.
In Japan stellte die
Schaffung der sogenannten Ubiquitären Netzwerkgesellschaft spätestens seit
2003/04 einen bedeutsamen Schwerpunkt der staatlichen und industriellen
Forschungsagenda dar. Ziel dieses Programms, das maßgeblich von der Industrie
formuliert wurde, war eine massive Verbreitung von schnellen, drahtlosen
Netzwerken und konsumentenorientierten Diensten – ganz in der Tradition des
Mobilfunks in Japan. Diese Vision wird als »u-Japan« bezeichnet, wobei »u« nicht
nur für ubiquitär, sondern auch für universell, benutzerfreundlich
(»user-oriented«) und einzigartig (»unique«) steht, was den individualistischen
Charakter der japanischen Initiative verdeutlicht.
Ähnlich wie Japan hat sich auch
Südkorea zum Ziel gesetzt, eine der führenden ubiquitären Netzgesellschaften
zu werden. Korea hat in den vergangenen Jahren insbesondere den Ausbau seines
Breitbandnetzes forciert und ist auch ansonsten einer der Vorreiter bei der
Umsetzung innovativer IKT in Produkte. Insgesamt ist Korea heute ein Pionier bei
der Implementierung der Informationsgesellschaft und »schwimmt«, nach
Einschätzung der Internationalen Fernmeldeunion, »bereits heute in Information«.
Anders als in Japan, Europa oder den USA haben die koreanischen Pläne weniger
einen individuellen als einen gesamtgesellschaftlichen Nutzen im Blick.
Singapur ist bereits
heute vollständig breitbandig und drahtlos vernetzt und gilt als ideaes
Testumfeld für neue Anwendungen. Über die Netzwerkinfrastruktur hinaus soll sich
das Land nach Regierungsplänen zu einer »ubiquitous information society«
weiterentwickeln. Neben wirtschaftspolitischen Zielen wird dabei der soziale
Nutzen, etwa die Pflege der kulturellen Diversität des Vielvölkerstaates
Singapur konkret adressiert.
Bei der Europäischen
Kommission wurde lange Zeit der Begriff Ambient Intelligence präferiert, bei
dem weniger die Möglichkeiten der Technik als die Bedürfnisse des Menschen im
Vordergrund stehen sollten. Damit sollten nicht nur die Wettbewerbsfähigkeit des
europäischen Wirtschaftsraums gefördert, sondern auch der Übergang zu einer
dynamischen Wissensgesellschaft unterstützt und dabei auf die gesellschaftlichen
Bedürfnisse reagiert und die soziale Kohäsion gefördert werden.
Obwohl in Deutschland Aspekte des Ubiquitären
Computings bereits frühzeitig im Rahmen des Futurprozesses und der
Strategiefindung der großen Forschungsorganisationen aufgegriffen wurden, hat
die Bundesregierung erst mit der Innovationsinitiative im Jahr 2005 dem Thema
größere Aufmerksamkeit geschenkt. Mit der Hightech-Strategie hat sich das
»Internet der Dinge« schließlich zu einem »Leuchtturmthema« entwickelt, wobei
der Fokus weniger auf konsumnahen als auf geschäftlichen bzw. industriellen
Nutzungen liegt.
Technische Grundlagen des Ubiquitären Computings
Vieles treibt den Fortschritt der Informationstechnik auf
ganz unterschiedlichen Ebenen voran: Die Leistungssteigerung wichtiger
Bauelemente und Produktionsverfahren, bessere Methoden zum Erstellen von
Software, effizientere Programmiersprachen und Betriebssysteme, innovative
Konzepte für die Mensch-Maschine-Interaktion und noch manches mehr. Als
typische Querschnittstechnologie nutzt das Ubiquitäre Computing die ganze Breite
moderner Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT), wobei vor allem die
Fortschritte in der Kommunikationstechnik, der Mikroelektronik, der
Energieversorgung, bei Benutzungsschnittstellen, der Informationssicherheit,
Sensorik und Lokalisierungstechnik von besonderer Bedeutung sind.
Im Bereich der Mikroelektronik kann man davon
ausgehen, dass nach dem Mooreschen Gesetz Logik- und Speicherelemente in den
kommenden 10 bis 15 Jahren weiterhin immer kleiner und leistungsfähiger bzw.
billiger werden. Neue Werkstoffe wie halbleitende Polymere helfen darüber
hinaus, dass elektronische Systeme in fast alle denkbaren Gegenstände
eingebettet werden können und weniger Energie für den Betrieb benötigen.
Die Kommunikationstechnik, insbesondere die mobile
Kommunikation gilt als die Schlüsseltechnologie des Ubiquitären Computings. Hier
ist damit zu rechnen, dass neben »klassischen« Technologien wie Ethernet oder
UMTS zunehmend sich spontan organisierende Netzwerke und eine Reihe von
leistungsfähigen Nahübertragungstechnologien treten. Zu den wichtigen
Technologien gehören bei den Personal Area Networks vor allem die
Nahfeldkommunikation und die Ultrabreitbandtechnologie, die eine sichere und vor
allem breitbandige Übertragung ermöglicht, wie sie im Datenaustausch zwischen
Endgeräten und zwischen Endgerät und Kommunikationsinfrastruktur künftig üblich
sein wird.
Um mit unsichtbaren, eingebetteten Informationssystemen
interagieren zu können, sind innovative Benutzungsschnittstellen
notwendig, die eine »natürliche« Interaktion (z. B. durch Spracheingabe oder
körperliche Interaktion) erlauben. Zur neuen Art der Interaktion gehört auch die
automatische Erfassung des Kontextes, bei der es nicht nur um die
Registrierung äußerer Parameter (z. B. Standort) geht, sondern zunehmend auch um
die Ermittlung emotionaler Zustände des Nutzers oder seiner Handlungsabsichten
(z. B. die automatische Erkennung kritischer Situationen bei medizinischen
Überwachungssystemen). Nur mit der möglichst genauen Kenntnis des jeweiligen
Kontextes ist es möglich, individuell orts- und situationsabhängig angepasste
Dienste anzubieten und bestimmte Aufgaben vollständig an die Technik zu
delegieren.
Für die Kontexterfassung
werden leistungsfähige, leichte und kostengünstige Sensoren benötigt, die teilweise schon heute in
Pilotanwendungen genutzt werden (z. B. die Überwachung von Kühlketten).
Zukunftsträchtig sind darüber hinaus sogenannte Sensornetze, d. h.
Sensoren mit Kommunikationsfähigkeiten, die mehr oder weniger autark ihre
Umgebung überwachen und die registrierten Daten regelmäßig oder auf Anfrage an
den Betreiber/Nutzer übermitteln.
Eine besondere Rolle unter
den Lokalisierungstechniken spielt die Radio-Frequenz-Identifikation
(RFID), mit der sich die Identität von Dingen aus der Distanz feststellen lässt.
Diese automatische Identifizierung (Auto-ID) ist eine wichtige Grundlage
für vielfältige heutige Anwendungen des Ubiquitären Computings. Auf dem
RFID-Chip lassen sich – je nach Bauform – eine eindeutige Identifikationsnummer
und weitere Informationen speichern bzw. auslesen und umgekehrt Informationen
bis zu einigen hundert Bits drahtlos auf dem Chip speichern. Dies erfolgt in
Sekundenbruchteilen und über Entfernungen von bis zu einigen Metern. RFID-Chips
inklusive einer papierdünnen Antenne (zusammen als RFID-Transponder bezeichnet)
kosten derzeit je nach Leistungsfähigkeit zwischen wenigen Cents und mehr als
100 Euro. Vorangetrieben wird die RFID-Technik von Anwendungsmöglichkeiten im
Bereich der Logistik: Wenn Produkte ihre Identität auf Anfrage automatisch
preisgeben können, dann kann ohne manuelle Eingriffe eine lückenlose Verfolgung
der Warenströme über die gesamte Lieferkette hinweg sichergestellt werden.
Zusätzlich zur Identifikationsnummer auf dem RFID-Chip kann
weitere Information zu einem Objekt in einer entfernten Datenbank gespeichert
werden. So kann nach dem Auslesen der Identifikationsnummer diese zusätzliche
Information über eine mobile oder Festnetzverbindung abgefragt werden, sodass
beliebigen Dingen oder Personen Informationen beliebiger Detailliertheit
»angeheftet« werden können. Dies eröffnet Anwendungsmöglichkeiten, die über eine
automatisierte Lagerhaltung und Überwachung der Versorgungskette hinausgehen.
Auch wenn das Grundprinzip der
automatischen Identifikation mit RFID relativ einfach ist, gibt es eine Vielzahl
von offenen Fragen und ungelösten Problemen, die eine breite Durchsetzung noch
behindern. Die Kosten der RFID-Transponder und der Systemintegration
sind noch das größte Hemmnis für eine Einführung im Handel mit Konsumgütern.
Hier zeichnen sich aber durch neue Materialien und Produktionsverfahren
(Polymerelektronik) Kostensenkungen und damit eine größere Wirtschaftlichkeit
ab. Die Realisierung von Skaleneffekten aber hängt in nicht unerheblichem Maße
von der Standardisierung der RFID-Technik
ab, die momentan die wichtigste internationale Herausforderung ist. Dabei gilt
es, in möglichst generischen Standards auch existierende Lösungen und die
unterschiedlichen Anforderungen verschiedener Anwendungen zu berücksichtigen.
Fragen der Informationssicherheit
sind sowohl für die Nutzer von RFID von entscheidender Bedeutung, weil
RFID-Systeme zwar offen sein sollen, um Netzwerkeffekte nutzen zu können, als
aber auch häufig den Zugang zu sicherheits- oder wettbewerbskritische
Informationen erlauben. Erschwerend ist hierbei, dass die Leistungsfähigkeit von
RFID-Chips normalerweise nicht ausreicht, um etwa leistungsfähige
Kryptografieverfahren zu implementieren. Schließlich ist momentan noch offen,
welche Folgen die Herstellung und Entsorgung von Millionen Wegwerf-RFID-Chips
für die Umwelt aufwirft.
Die Realisierung des Ubiquitären Computings wird in zwei
Phasen ablaufen:
-
In der aktuellen, ersten Phase werden vor allem die Möglichkeiten
von Auto-ID-Technologien, insbesondere RFID genutzt, die dazu beitragen,
Gegenstände der realen Welt und Personen informationstechnisch aufzurüsten. Vor
allem im betrieblichen Umfeld werden auf diese Weise Systeme ohne Medienbrüche
geschaffen, die eine einheitliche Datenbasis für eine Vielzahl von Anwendungen
darstellen. Diese werden vorwiegend zur effizienteren Steuerung von Prozessen
und Materialströmen genutzt. Für den privaten Nutzer entstehen in dieser Phase
neue Informationsdienste, durch die mobile Endgeräte, vor allem Mobiltelefone
aufgewertet werden. Technische Voraussetzung für die neuen Funktionen sind eine
Leistungssteigerung der Geräte, eine weitere Miniaturisierung sowie die
Möglichkeit zur Ad-hoc-Vernetzung.
-
Die zweite Phase des Ubiquitären Computings ist durch eine
zunehmende Integration bisheriger Einzellösungen und individueller Endgeräte zu
einem vollständig vernetzten Informationssystem gekennzeichnet. Dabei kann es zu
einer Ablösung konventioneller Endgeräte durch spezialisierte Endgeräte (z. B.
Wearables) oder in die Umgebung integrierte und gemeinsam genutzte
Schnittstellen kommen. Durch die zunehmende Verwendung von Sensoren werden diese
Systeme in die Lage versetzt, ihre Nutzer und Umgebung zu erkennen und dadurch
erkannte Aufgaben in gewissem Maß autonom zu bearbeiten.
Anwendungen des Ubiquitären Computings
Für das Ubiquitäre Computing gibt es wegen seines
Querschnittscharakters eine Vielzahl denkbarer Anwendungen im wirtschaftlichen,
öffentlichen und privaten Umfeld. Diese Studie konzentriert sich auf
wirtschaftliche oder gesellschaftlich besonders wichtige und zukunftsweisende
Anwendungen in Handel, Logistik, Industrie (insbesondere die
Automobilproduktion), Verkehr und Gesundheitsversorgung sowie zur
Personenidentifikation.
Handel
Anwendungen im Handel basieren auf der Nutzung von preiswerten
RFID-Transpondern, die (als Ergänzung oder Ersatz für Barcodes) auf Warenverpackungen
oder größeren Gebinden angebracht sind. Dadurch wird es möglich, Waren jederzeit
zu identifizieren und entlang der Lieferkette zu verfolgen. Auf der Basis dieser
Information ist es möglich, Angebot und Nachfrage nach bestimmten Produkten
schneller und genauer vorherzusagen und die Beschaffung, Kommissionierung und
Distribution effizienter zu gestalten.
Zu den vielfältigen Möglichkeiten des Ubiquitären
Computings im Handel gehören die automatische Registrierung und Identifizierung
von Warenlieferungen, ein effizienteres Lagermanagement und die automatische
Erfassung des Warenbestandes sowie von Waren im Einkaufskorb des Kunden, die
Möglichkeit zur Rückverfolgung von Produkten
anhand eines elektronischen »Stammbaums« und nicht zuletzt eine bessere
Diebstahlsicherung. Voraussetzung für die breite
und erfolgreiche
Einführung von UbiComp-Anwendungen im Handel sind einheitliche Standards, die
einen Austausch von Informationen entlang der Lieferkette ermöglichen. Darüber
hinaus ist es notwendig, dass sich möglichst viele Wirtschaftsakteure an den
Systemen beteiligen. Aufgrund der Dominanz weniger großer Handelsunternehmen,
die ihren Zulieferern entsprechende Vorgaben machen können, bestehen hierfür
gute Voraussetzungen. Auf der anderen Seite ist der Handel mit Konsumgütern sehr
wettbewerbsintensiv und der Preisdruck entsprechend
hoch. Folglich sind die Spielräume für die Investition in neue IT-Infrastrukturen
und die Ausstattung von Produkten mit RFID-Transpondern sehr eng. So sind
RFID-Etiketten bislang für viele niedrigpreisige Güter oder solche mit sehr
geringer Gewinnmarge noch zu teuer. Auf der anderen Seite sind die Kosten und
der erwartete Nutzen zwischen den Akteuren ungleich verteilt. Bevor sich
Ubiquitäres Computing im Handel zur Erfolgsgeschichte entwickeln kann, sind also
weitere technische Forschritte, aber auch ein generelles Übereinkommen der
Unternehmen über die Aufteilung von Kosten und Nutzen notwendig. Eine
Gewinnsteigerung durch UbiComp lässt sich zunächst wohl nur durch weitere
Rationalisierung und Prozessoptimierung erreichen. Verlierer dieser Entwicklung
dürften vor allem kleinere Fach- und Einzelhandelsgeschäfte sowie Beschäftigte
mit geringer Qualifikation sein.
Ein ökonomischer Zugewinn durch Ubiquitäres Computing ist
allenfalls mittelfristig zu erwarten und auch nur, wenn es den Anbietern
gelingt, neue Zusatzfunktionen und Dienste zu entwickeln, für die es bei den
Kunden einen echten Bedarf und entsprechende Zahlungsbereitschaft gibt. Bei
solchen vernetzten und individualisierten Einkaufswelten werden alle Produkte
von reichhaltigen Zusatzinformationen begleitet, die es nicht nur erlauben,
durch automatische Erfassung und Abrechnung der gekauften Waren den
Einkaufsvorgang selbst stärker zu rationalisieren, sondern auch zusätzliche
Angebote zu schaffen. Diese reichen von kundenindividueller Werbung, von der
hauptsächlich der Verkäufer profitiert, bis hin zu Informationen über
Inhaltsstoffe oder Haltbarkeitsdaten, die dem Kunden mehr Transparenz
verschaffen. Schließlich sind auch neuartige Dienstleistungen denkbar, die von
der kundenindividuellen Lieferung bis zu Kundendienstangeboten reichen und von
denen beide Seiten gleichermaßen profitieren sollen.
Angesichts der hohen Investitionskosten für eine »vernetzte
Einkaufswelt« ist allerdings noch offen, ob solche Angebote wirtschaftlich
betrieben werden können. Hier sind auch Mischfinanzierungen denkbar, bei denen
neben Nutzungsgebühren auch Werbeeinnahmen und die Vermarktung von Kundendaten
infrage kämen, wobei allerdings nicht klar ist, wie sich dies auf die Akzeptanz
solcher Dienste auswirken wird.
Industrielle Produktion und Materialwirtschaft
Die Automobilindustrie als eine der Säulen der deutschen
Industrie ist bereits seit Jahren ein Pionier bei der Nutzung von RFID, wobei
die Technologie bisher vor allem in unternehmensinternen Prozessen zum Einsatz
kommt. Sie kann als stellvertretend für Anwendungen des Ubiquitären Computings
in der industriellen Produktion und Materialwirtschaft gelten. Hauptaufgaben
sind dabei die Verfolgung von Rohstoffen, Gütern und Zwischenprodukten sowie der
Einsatz intelligenter Transportbehälter. Ähnlich wie im Handel und in der
Logistik stehen dabei die Optimierung bestehender Prozesse und die Steigerung
von Effizienz und Produktivität im Vordergrund. Anwendungen ergeben sich
insbesondere für die Bereiche der Produktionslogistik, der Steuerung von
Maschinen und Anlagen sowie der Optimierung der Auslastung und Verfügbarkeit von
Produktionsanlagen. Den Ausgangspunkt stellt die während der Produktion
automatisch erfasste Information dar, die eine Vielzahl manueller Zähl-, Scan-,
Erfassungs- und Kontrollvorgänge ersetzt und für die Steuerung des
Produktionsprozesses und die Synchronisation der Schnittstellen mit anderen
Stufen in der Wertschöpfungskette verwendet werden kann. Dadurch lassen sich
Schwund sowie Produktionsstillstände wegen fehlender Ladungsträger reduzieren
und Irrläufer fast vollständig vermeiden.
Produktionsunternehmen nutzen Ubiquitäres Computing aber
nicht nur intern zur Effizienzsteigerung der Produktion, sondern auch darüber
hinaus. So lassen sich beispielsweise Rückrufaktionen präziser planen, wenn nur
einzelne Chargen oder Tranchen betroffen sind, die über die Datenerfassung
detailliert dokumentiert sind. Weitere Anwendung finden sich im
Behältermanagement oder in der Qualitätsüberwachung für bestimmte Werkzeuge.
Bei den RFID-Projekten in der Automobilproduktion handelt
es sich momentan meist noch um Pilotprojekte. Eine durchgängige Unterstützung
des Waren- und Informationsflusses in Kombination mit einem geschlossenen
Behälterkreislauf vom Zulieferer bis hin zu Händler und Werkstatt durch
Ubiquitäres Computing gehört aber zu den langfristigen Plänen der
Herstellerunternehmen. Ähnlich wie im Handel ist dafür aber eine weltweite
Standardisierung der Technik und der verwendeten Datenformate notwendig.
Parallelen zu Handelsanwendungen bestehen ebenfalls bei Herausforderungen, die
sich aus der Branchenstruktur mit wenigen Herstellerunternehmen und einer
Vielzahl meist mittelständischer Zulieferunternehmen ergeben. Auch hier muss die
Frage beantwortet werden, wer die notwendigen Investitionen tätigt und wie ein
zusätzlicher Nutzen gerecht auf die Beteiligten verteilt werden kann.
Transportlogistik
In der Logistik ist es wichtig, stets zu wissen, wo sich
welche Waren befinden. Langfristig unterstützt das Ubiquitäre Computing dieses
Ziel, indem Transportobjekte mit Kommunikationsfähigkeiten und Rechenleistung
ausgestattet werden. Damit der Waren- und Informationsfluss von Lieferanten für
Unternehmen effizienter gestaltet werden kann, werden Container, Paletten und
Produkte mittelfristig flächendeckend mit RFID-Transpondern versehen, die die
Verfolgbarkeit und Transparenz in der Lieferkette verbessern. Damit lassen sich
die Logistikprozesse von der Prozessplanung und -steuerung bis zur Abwicklung
von Güter- und Informationsflüssen optimieren. Die Erhöhung der Effizienz in
Form von Automatisierung und Rationalisierung ist für Unternehmen im umkämpften
internationalen Logistikgeschäft schon aus Gründen der Wettbewerbsfähigkeit
notwendig. Die Rationalisierungspotenziale liegen dabei sowohl bei internen
Abläufen als auch in der Kooperation mit Partnern aus Industrie und Handel, mit
deren Systemen die eingesetzte Technik kompatibel sein muss.
Mittel- bis langfristiges Ziel ist die Schaffung von
Logistiknetzen, in denen »intelligente« Objekte, die ihre Umgebung über
fortschrittliche Sensoren wahrnehmen, autonom ihren Weg zum Empfänger finden
können. Dazu ist allerdings zunächst eine Reihe von technischen Voraussetzungen
zu schaffen: etwa die Definition internationaler Standards für Technik und
Anwendungen oder die exklusive Reservierung weiterer Frequenzbereiche, möglichst
in Übereinstimmung mit den USA und Japan.
Durch den Einsatz von UbiComp werden Logistikdienstleister
noch stärker zu umfassenden Dienstleistern im Management der bei der Steuerung
des Güterstromes anfallenden Daten.
Personenidentifikation und -authentifizierung
Der Nachweis der Identität einer Person ist ein wichtiges
Merkmal vieler Anwendungen des Ubiquitären Computings. Heute spielt dies vor
allem eine Rolle bei Anwendungen der Zugangskontrolle bzw. bei Bezahlvorgängen.
Diese Bedeutung dieser Funktion wird in Zukunft weiter zunehmen, weil innovative
Anwendungen nicht nur orts- und kontextabhängig, sondern auch auf den
individuellen Nutzer zugeschnitten sein sollen.
Deutsche Reisepässe beispielsweise sind seit November 2007
mit einem RFID-Chip ausgestattet, auf dem neben den üblichen Personenangaben die
digitalisierten Abdrücke von zwei Zeigefingern abgespeichert werden. Nachdem es
zunächst Zweifel an den Sicherheitsmechanismen gegen unbefugtes Auslesen gab,
bewerten mittlerweile selbst Nichtregierungsorganisationen wie der Chaos
Computer Club die verwendete Technik als sicher. Wesentlich umstrittener sind
hingegen die generelle Zuverlässigkeit und Zweckmäßigkeit biometrischer
Verfahren und der dafür zu erhebenden personenbezogenen Daten.
Ebenfalls bereits sehr verbreitet ist die Nutzung von
UbiComp-Technologie, insbesondere RFID, in Eintrittskarten für
Veranstaltungen oder in Skipässen. Obwohl hierbei nur wenige potenziell
kritische Daten erhoben werden, ist die Verwendung im öffentlichen Raum und der
Betrieb der Systeme durch privatwirtschaftliche Unternehmen nicht ohne Probleme,
weil sich z. T. sehr detaillierte Bewegungs- und Verhaltensmuster erfassen
lassen, die nicht nur zu Zwecken der öffentlichen Sicherheit verwendet werden
können, sondern auch für das Marketing. Die Art der RFID-Nutzung bei den
Eintrittskarten zur Fußballweltmeister-schaft 2006 hielten jedenfalls
Datenschützer für unangemessen und nicht mit dem Datenschutz vereinbar.
Ethisch und datenschutzrechtlich besonders bedenklich sind
RFID-Implantate, die explizit der dauerhaften Überwachung der
»gechippten« Personen dienen, auch wenn dies vordergründig einem guten Zweck
dient, wie der Vermeidung von Kindesentführungen.
Gesundheitswesen
Es besteht die Erwartung, dass der Einsatz ubiquitärer
Informationstechnik auch helfen kann, die
gesellschaftlichen Herausforderungen durch den demografischen Wandel
anzugehen. Konkret hofft man, durch eine Steigerung der Effizienz und
Produktivität von Prozessen die Kosten im Gesundheitswesen begrenzen zu können.
Gleichzeitig eröffnet das Ubiquitäre Computing die Möglichkeit für eine bessere
Qualität der Versorgung. Die Anwendungen im Gesundheitswesen haben eine eher
mittel- bis langfristige Umsetzungsperspektive, da sie sehr viel höhere
Anforderungen an die Leistungsfähigkeit der Technik, insbesondere der Sensorik
stellen. Anwendungsfelder sehen die Befürworter der »Pervasive Healthcare« in
diagnostischen, therapeutischen, pflegerischen und dokumentierenden Funktionen.
Innerhalb von medizinischen Einrichtungen erwartet man beispielsweise eine
höhere Qualität durch die umfassendere Information des medizinischen und
pflegerischen Personals und deren Entlastung von administrativen Aufgaben.
Bei der Unterstützung älterer
und/oder chronisch kranker Menschen im häuslichen Umfeld kann die
Informationstechnik als eine wesentliche Ressource betrachtet werden, die zur
Förderung der Lebensqualität und zur Bereicherung des Alltags im Alter
eingesetzt werden kann. Ubiquitäres Computing wird in diesem Zusammenhang seit
einigen Jahren unter den Begriffen Gesundheitstelematik und neuerdings »Ambient
Assisted Living« (AAL) aufgegriffen. Darunter werden Konzepte, Produkte und
Dienstleistungen verstanden, die neue Technologien und das soziale Umfeld der
Betroffenen miteinander verbinden. Ziel ist die Verbesserung bzw. der Erhalt der
Lebensqualität für ältere und kranke Menschen zuhause.
Ein Bestandteil solcher Systeme
ist die automatische Fern- und Selbstüberwachung sowie -diagnose für Patienten,
die die Möglichkeiten der häuslichen Pflege und medizinischen Versorgung
verbessern und die Selbstversorgung sowie unabhängige Lebensführung
unterstützen. Dabei werden Vital- und Bewegungsdaten des Menschen oder der
Umgebung sowie die benutzte Technik überwacht. Die dazu benötigten Sensoren
könnten in Kleidungsstücke integriert sein und die aufgezeichneten Daten an
einen beispielsweise in den Gürtel integrierten Kleinstcomputer senden.
Gegebenenfalls soll in Notfallsituationen eine Alarmierung der erkannten
Situation in Abhängigkeit der Schwere der Notsituation erfolgen. Dabei stellt
die Modellierung altersbedingter, medizinisch-psychologischer Szenarien eine
besondere Herausforderung dar.
Ambient Assisted Living wird erst seit einigen Jahren
massiv gefördert, sodass es bislang kaum praxistaugliche Produkte oder gar einen
Markt für AAL-Produkte und -Dienstleistungen gibt. Neben der Vielzahl der
betroffenen Akteure aus der IKT-Industrie, den Professionen im Gesundheitswesen,
Herstellern medizinischer Geräte und der Wohnungswirtschaft stellen auch
mangelnde Interoperabilität technischer Lösungen, fehlende Standards sowie die
Frage der Finanzierung im Rahmen des Gesundheitswesens erhebliche Innovations-
und Markthemmnisse dar.
Die Nutzung des Ubiquitären Computings für die Optimierung
von Prozessen im Gesundheitswesen folgt weitgehend der Logik, die auch in
Handel, Industrie und Logistik anzutreffen ist. Solche Systeme zum integrierten
Patienten- bzw. Klinikmanagement sollen eine erhöhte Planungs- und
Terminsicherheit bei der Festlegung von ärztlichen Untersuchungen sowie eine
hohe Auslastung medizinischer Geräte sicherstellen. Heutige Systeme unterstützen
allerdings erst einzelne Prozesse wie Berechtigungsmanagement und
Pflichtdokumentation, die automatische Lokalisierung von Patienten, Materialien
und Geräten oder die mobile Überwachung von Messdaten. Für den Übergang zum
integrierten Klinikmanagement ist eine zeitnahe und detaillierte Erfassung der
aktuellen Situation mithilfe von unterschiedlichen Sensoren und Eingabemedien
technisch notwendig. Insbesondere muss der Aufenthaltsort von Geräten, Personen
und Patienten mittels geeigneter Techniken innerhalb der gesamten
Krankenhausumgebung ermittelbar sein. Um eine sinnvolle Unterstützung des
Personals und der Patienten gewährleisten zu können, müssen auch
unterschiedliche Kontexte automatisch erkannt werden. Mediziner stellen
allerdings teilweise infrage, ob solche Szenarien im Einzelnen oder als Ganzes
tatsächlich einen Beitrag zur Arbeitserleichterung oder Prozessvereinfachung
leisten oder nur der Tendenz zum »gläsernen Patienten« Vorschub leisten.
Insgesamt ist der
Gesundheitsbereich aus vielfältigen Gründen gewiss das schwierigste Umfeld für
die Einführung von Ubiquitärem Computing. So sind medizinische Daten die
sensibelsten personenbezogenen Daten und erfordern daher entsprechende
Vorkehrungen zum Datenschutz, wie abgestufte Zugangsverfahren, die Vermeidung
neuer transitorischer Datenzugriffe oder unerwünschte Sekundärnutzungen. Die
Finanzierung von »Pervasive Healthcare« könnte zudem unter den existierenden
Regeln zur Kostenerstattung problematisch sein und entsprechende
Verteilungskämpfe zwischen den verschiedenen Akteuren auslösen, etwa bei der
Frage, ob das häusliche Umfeld als Gesundheits- und Pflegestandort gefördert
werden sollte. Schon aus diesen Gründen haben Nutzungen im Gesundheitsbereich
eher eine langfristige Perspektive und müssen schrittweise realisiert werden.
Schließlich stellt sich eine Reihe weiterer ethischer Fragen, die man unter den
Schlagworten Sicherheit, Autonomie und Teilhabe zusammenfassen kann.
Insgesamt muss sich die Diskussion von ihrem technischen
Fokus lösen und sich mit systemischen Fragen auseinandersetzen, z. B. nach der
Offenheit der Systeme oder der Einbettung in das nationale und regionale
Gesundheitssystem. Letztlich stellt sich die entscheidende Frage, welche neuen
Dienstleistungen einen echten Mehrwert bringen.
Mobilität und Verkehr
Der Einsatz von Ubiquitärem Computing im Bereich Mobilität
und Verkehr wird als Basis für eine neue Generation von stärker vernetzten und
integrierten Systemen zur Steuerung von Verkehrsströmen und zur Information der
Verkehrsteilnehmer gesehen. Ausgangspunkt sind dabei Lösungen wie elektronische
Fahrscheine auf Basis von RFID oder Nahfeldkommunikation, Navigations- und Verkehrserfassungssysteme sowie die herkömmliche
Verkehrstelematik, die momentan durch sogenannte »Vehicular Ad-Hoc
Networks« ergänzt werden.
Langfristig gehen die Befürworter von einer weitgehenden
Integration solcher Systeme in ein umfassendes Verkehrsmanagementsystem aus, das
auf Echtzeitdaten basiert und Betreibern wie auch Nutzern der Verkehrssysteme
gleichermaßen Vorteile bietet:
-
Im Bereich des Individualverkehrs
sind dabei unterschiedliche Funktionen denkbar: (1) Dienste zur Erhöhung
der Sicherheit während der Fahrt (Fahrzeugzustand, Unfallvermeidung), (2)
Dienste zur Optimierung des Verkehrsflusses (Navigation, Verbrauchsoptimierung)
und (3) Dienste für mehr Bequemlichkeit der Fahrzeuginsassen (ortsbezogene
Information, Unterhaltung, Internetzugang).
-
Bei öffentlichen Verkehren geht es in erster Linie um die bessere
Vernetzung mit anderen Verkehrsbereichen sowie um die Unterstützung von Bürgern
bei der Buchung und beim Antritt der Reise oder der Information über
Reiseverlauf, Anschlussmöglichkeiten.
Ähnlich wie bei Handelsanwendungen ist aber zu bedenken,
dass es Auswirkungen auf die Souveränität und Privatsphäre gibt, wenn
Verkehrsteilnehmer und Fahrzeuge selbst (aktiver) Teil des Verkehrssystems
werden. Insbesondere ermöglicht die flächendeckende Erfassung von Verkehrsdaten
neue Möglichkeiten zur Steuerung von Verkehr, etwa die Schaffung von Anreizen
(oder Strafen) für die Nutzung bestimmter Verkehrswege zu bestimmten Zeiten, von
denen aber erfahrungsgemäß angenommen werden kann, dass sie wenig Akzeptanz in
der Bevölkerung finden. Es bestehen auch Zweifel, ob ein neuerlicher Anlauf für
die Optimierung des Verkehrsflusses erfolgversprechender ist als in der
Vergangenheit. Paradoxerweise scheint die
Stärkung des individuellen Nutzers, so wie es die Szenarien vorsehen,
langfristig zu weniger Autonomie des Einzelnen zu führen.
Ubiquitäres Computing im Spiegel der Presse
Die öffentliche Darstellung von Wissenschaft und Technik
hat Einfluss auf Entscheidungsträger und deren Handeln und ist damit wiederum
für Wissenschaft und Forschung folgenreich. Aus diesem Grunde wurde eine Analyse
der Berichterstattung über das Ubiquitäre Computing, insbesondere RFID, in der
überregionalen Tagespresse durchgeführt. Dies macht deutlich, welches Bild der
Öffentlichkeit in den vergangenen Jahren vom Ubiquitären Computing vermittelt
und welche wichtigen Technikfolgen thematisiert wurden. Dabei zeigt sich, welche
unterschiedlichen Positionen die verschiedenen Akteure vermitteln wollen.
Grundsätzlich lässt sich feststellen, dass erste
vereinzelte Artikel über das UbiComp seit 1997 erschienen. Seit etwa 2004 wird
kontinuierlich über das Thema berichtet, mit (leicht) steigender Tendenz. Die
frühen Artikel berichteten über Entwicklungen im Umfeld von »Smart Homes« und
zeigten sich fasziniert von der neuen Welt der »Heinzelmännchentechnologie«.
Neben den positiven Anwendungsmöglichkeiten
erwähnten aber schon diese Beiträge das Überwachungspotenzial des
Ubiquitären Computings und die Herausforderungen für den Datenschutz, die in den
Folgejahren die Berichterstattung immer stärker prägten.
Aufgrund der Darstellung des Themas in der Presse könnte
man annehmen, Daten- und Verbraucherschutz seien die problematischsten
Aspekte des Ubiquitären Computings. So warnte die Süddeutsche Zeitung 2005 vor
dem Schreckgespenst des gläsernen Menschen. Solche Warnungen korrespondierten
mit der Einstellung vieler Verbraucher, die die Datenschutzrisiken höher
einschätzten als den zusätzlichen Nutzen. Auf diese Vorbehalte wurde in der wirtschaftnäheren Presse mit dem Hinweis
reagiert, dass die meisten der heute geplanten Anwendungen kaum personenbezogene
Daten berühren. Wichtige Industrievertreter argumentieren in der Presse
gelegentlich, die Betonung des Daten- und Verbraucherschutzes sei nicht nur
unbegründet, sondern auch innovationshemmend, während der Daten- und
Verbraucherschutz von Kunden als wichtiger Regelungsbereich angesehen wird.
Sicherheit und Schutz der Privatsphäre sind beim
Ubiquitären Computing eng miteinander verbunden – entsprechend intensiv wird
darüber in der Presse berichtet. Während mehr Sicherheit ausnahmslos als
wünschenswertes Anliegen gilt, vermittelt die Berichterstattung, dass für diese
Sicherheit ein Preis in Form von mehr Überwachung zu zahlen ist. Ein Teil der
Presse betont im Zusammenhang mit der öffentlichen Sicherheit, dass die
Neugierde von Staat und Wirtschaft durchaus neue Gefahren in sich birgt. In
diesem Zusammenhang wird aber nur selten diskutiert, inwieweit mehr Überwachung
vorbeugend zu mehr Sicherheit führen kann und welches Sicherheitsniveau
überhaupt (finanziell wie auch sozial) machbar ist.
In den letzten Jahren ist die Berichterstattung über den
RFID-Einsatz für verschiedene Anwendungen, vor allem in den Bereichen Logistik,
Einzelhandel, Gesundheit und Wohnen am umfangreichsten. Die dabei angesprochenen
Themen sind relativ übersichtlich: In der Logistik und im Einzelhandel geht es
überwiegend um die Rationalisierung von Prozessen, beim Einzelhandel
darüber hinaus auch gelegentlich um einen zusätzlichen Nutzen für den
Verbraucher. Bei Anwendungen in den Bereichen Gesundheit und Wohnen steht die
Unterstützung eines gesunden und unabhängigen Lebens im Alter im Vordergrund.
Die Berichterstattung macht insgesamt deutlich, dass vor allem Anwendungen
innerhalb oder zwischen Unternehmen momentan die größte Bedeutung haben und
Kosten-Nutzen-Erwägungen bei der Technikeinführung entscheidend sind.
Die Frage der Technologieeinführung wird von der
Presse meist allein auf die Frage des Preises von RFID-Chips reduziert, der über
die Jahre zwar ständig gesunken ist, allerdings ohne bislang das für einen
Marktdurchbruch notwendige Niveau zu erreichen. Dennoch werden durch Ubiquitäres
Computing realisierbare Effizienzgewinne bzw. Einsparungen in der
Berichterstattung als ganz erheblich eingeschätzt. Bei welchen Kostenarten
letztlich eingespart werden kann, bleibt meist unerwähnt, auch wenn davon
ausgegangen werden kann, dass durch Rationalisierung vor allem Personalkosten
verringert werden können. So wird in einigen Beiträgen angesprochen, dass die
Einführung von RFID einfache Arbeitsplätze erheblich gefährde, da viele Prozesse
durch RFID vereinfacht und automatisiert werden können.
Insgesamt hat die Presseberichterstattung über das
Ubiquitäre Computing in den vergangenen Jahren eine typische
Aufmerksamkeitskurve durchlaufen: Zunächst wurde es unkritisch in den Himmel
gehoben, dann nach den ersten Misserfolgen übertrieben kritisiert. Schließlich
setzte sich mit Realisierung und Tests erster
Anwendungen eine realistischere Einschätzung der echten Vorteile, aber auch der
Grenzen des Ubiquitären Computings durch. Insgesamt lässt sich feststellen, dass die Presse sachlich, abgewogen und nicht
unkritisch über das Thema berichtet.
Rechtliche Aspekte des Ubiquitären Computings
Das Ubiquitäre Computing und seine unterschiedlichen
Anwendungen stellen auch für die Fortentwicklung des Daten- und
Verbraucherschutzes eine erhebliche Herausforderung dar. Die rechtlichen
Herausforderungen sind primär im Schutz der informationellen Selbstbestimmung
der Nutzer im Verhältnis zu den rechtlich geschützten wirtschaftlichen
Interessen der Betreiber von UbiComp-Anwendungen zu sehen. Daneben ergeben sich
durch den zu erwartenden Einsatz von autonomen Informatiksystemen aber auch
Fragen im privatrechtlichen Bereich. Da die Technikentwicklungen insgesamt von
hoher prognostischer Unsicherheit geprägt sind, stellt sich neben den
inhaltlichen Anforderungen an konkrete Regelungen zum bestmöglichen
Interessensausgleich der Akteure auch die Frage
nach dem richtigen Regulierungsinstrumentarium. Die Spannweite der
möglichen Regulierungsansätze reicht dabei vom klassischen Ordnungsrecht bis zu
neuen selbstregulativen Instrumenten wie Verbandsvereinbarungen.
Zur Sicherstellung der informationellen Selbstbestimmung
hat das Bundesverfassungsgericht eine Reihe von
inhaltlichen Vorgaben und verfahrensrechtlichen Absicherungen definiert, die mit
den Prinzipien des Ubiquitären Computings zwangsläufig kollidieren:
-
Die Prinzipien der Zweckbindung und Erforderlichkeit und das
Gebot, die Datenverarbeitung zu begrenzen, stehen im Konflikt mit dem Ziel des
Ubiquitären Computings, die Nutzerinnen und Nutzer unbemerkt, spontan und
umfassend zu unterstützen. Dies gilt auch für die
Einwilligung in jede Erhebung, Verarbeitung und Nutzung von Daten, deren
Umsetzung außerdem den Nutzer überfordert.
-
Mitwirkungs- und Korrekturrechte der Betroffenen verlieren wegen
der Komplexität der Datenverarbeitung an Durchsetzungsfähigkeit.
-
Die Vielzahl der Beteiligten führt zu einer Diffusion der
Verantwortlichkeit für datenverarbeitende Vorgänge.
Vor diesem Hintergrund fragt es sich, ob das
traditionelle Datenschutzrecht für die Herausforderungen des Ubiquitären
Computings noch sachgemäß ist. Bei der Bewertung ist zu berücksichtigen, dass
die im Bundesdatenschutzgesetz (BDSG) formulierten Prinzipien wegen ihrer
Fundierung im öffentlichen Sektor und der Förmlichkeit von Verwaltungsverfahren
noch von wenigen und wenig veränderlichen Datenverwendungen ausgehen konnte.
Diese Grundbedingung löst sich bei Anwendungen im privatwirtschaftlichen Sektor
weitestgehend auf.
Insofern überrascht es nicht, dass die inhaltlichen und
verfahrensrechtlichen Regelungen des BDSG und der einschlägigen
telekommunikationsrechtlichen Verbürgungen schon im Hinblick auf
RFID-Anwendungen in ihrer Reichweite unklar sind und in der Folge die Gefahr von
Rechtsunsicherheit für Anbieter und Nutzer von UbiComp-Anwendungen besteht. Um
diese Unsicherheiten auszuräumen, sollte das Schutzprogramm des
Bundesverfassungsgerichts neuumgesetzt und das Bundesdatenschutzgesetz
entsprechend modernisiert werden.
Gleichzeitig ist bei der Frage nach dem »wie« der
Neuausrichtung das grundrechtliche Fundament
von entscheidender Bedeutung. Die Rechtsfragen des UbiComps betten sich
in die Gesamtdiskussion um die Ausgestaltung der zukünftigen
»Informationsrechtsordnung« ein. Hier stehen sich im Wesentlichen zwei Pole in
der Bewertung gegenüber. Auf der einen Seite werden auch personenbezogene
Informationen im privatwirtschaftlichen Bereich weitestgehend als
eigentumsrechtlich relevante Sachmaterien und deshalb als Handelsgut begriffen.
Auf der anderen Seite werden persönlichen Daten als Gegenstand des absoluten
umfassenden allgemeinen Persönlichkeitsrechts und daher als besonders
schützenswert beurteilt. Die Verortung in dem einen oder anderen
Grundrechtsregime hat weitgehende Auswirkungen auf den staatlichen
Handlungsauftrag und die notwendigen inhaltlichen Ausgestaltungen.
Nicht zuletzt wegen der großen prognostischen
Unsicherheiten der Technik- und Geschäftsmodellentwicklungen wird in den
Initiativen der Europäischen Kommission für
den fraglichen Bereich weitestgehend auf selbstregulative Instrumente
statt auf ordnungsrechtliche Vorgaben gesetzt. Bei der Umsetzung in nationales
Recht wären dann allerdings Zielvorgaben zu definieren um sicherzustellen, dass
die Selbstregulation nicht hinter den Standard bestehender gesetzlicher
Regelungen zurückfällt. Außerdem müsste eine Reservezuständigkeit des Staates
für den Fall des Versagens der Selbstregulation definiert werden.
Inhaltlich wären gesetzliche Anpassungen zum einen im
Hinblick auf die zu erwartende Änderung der beiden EU-Datenschutzrichtlinien
vorzunehmen. Auch wenn die praktischen Auswirkungen wegen der Anknüpfung an die
RFID-Verwendung in öffentlichen Kommunikationsnetzen gering sein werden, bedarf
es hier einer Klarstellung im Telekommunikationsgesetz (TKG), dass
RFID-Anwendungen in den Anwendungsbereich des Gesetzes fallen können. Daneben
sind insbesondere Klarstellungen zum Anwendungsbereich des BDSG auch für
einfache RFID-Chips und die Revision des Schriftlichkeitserfordernisses bei der
datenschutzrechtlichen Einwilligung notwendig. Ebenso wäre die Ergänzung von
Transparenzgeboten um langfristige Strukturinformationen erforderlich.
Insbesondere die Anknüpfung der datenschutzrechtlichen Pflichten und Bewertungen
an die Erhebungsphase bedarf einer Revision: Im Hinblick auf die Techniken des
Dataminings sollte das Schutzprogramm auch in den Phasen der Verarbeitung
Berücksichtigung finden. Schließlich wären die Schaffung der Möglichkeit der
Verbandsklage im Datenschutzrecht sowie eines eigenständigen
Arbeitnehmerdatenschutzgesetzes weitere sinnvolle Optionen.
Gleichzeitig sollte der Datenschutz durch den Einsatz von
Technik unterstützt und in den gesetzlichen Regelungen stärker als bislang
explizit gefordert werden. Ein geeignetes Mittel wäre z. B. die
technologieneutral formulierte Pflicht zur Integration eines Mindestbestandes
datenschutzrechtlicher Zugriffsbeschränkungen auf Ebene der
Anwendungsprotokolle. Auf dieser Grundlage könnten dann später, auf Basis einer
entsprechenden Anwendungssoftware, ausschließlich die vom Nutzer erlaubten
Datenverwendungen technisch zugelassen werden. Wie die Erfahrungen der
Technikregulierung des klassischen Internets zeigen, sollte das Augenmerk der
Legislative eher auf der Formulierung der Ziele, als auf materiellen
Detailvorgaben für eine konkrete Technikgestaltung liegen.
Beobachtungs- und Handlungsoptionen
Obwohl die RFID-Technologie schon ein hohes Maß an
technischer Reife erreicht hat, bedürfen andere technische Aspekte des
Ubiquitären Computings noch erheblicher Forschungs- und Entwicklungsarbeiten,
bevor die erhofften Funktionalitäten auch für den praktischen Einsatz geeignet
sind. Dies sind vor allem:
-
Methoden und Techniken für die Schaffung von sicheren Systemen mit
vorhersagbarem Verhalten und guter Diagnostizierbarkeit von Fehlern,
-
Verfahren für eine verlässlichere Kontexterkennung bei
gleichzeitig guter Konfigurierbarkeit durch den Nutzer,
-
innovative Konzepte zur Bedienung von »unsichtbaren« Computern
ohne traditionelle Ein- und Ausgabemedien.
Ubiquitäres Computing besitzt ein erhebliches
wirtschaftliches Potenzial, zum einen für die Steigerung von Effizienz und
damit der Wettbewerbsfähigkeit. Deshalb werden sich solche Nutzungen
voraussichtlich mittelfristig durchsetzen. Zum anderen ermöglicht Ubiquitäres
Computing eine Vielzahl von neuen Dienstleistungen, deren Nützlichkeit für den
Bürger und deren Wirtschaftlichkeit sich allerdings erst erweisen müssen. Damit
diese Potenziale tatsächlich realisiert werden können, ist allerdings eine Reihe
von Voraussetzungen zu schaffen:
-
internationale Frequenzharmonisierung und Standardisierung,
-
Schaffung eines frühzeitigen Zugangs zu UbiComp-Technologien für
mittelständische Unternehmen und deren Einbindung in Standardisierungsprozesse,
-
Ausgleich der Daten- und Verbraucherschutzinteressen von Anwendern
und Bürgern bzw. Kunden mit Blick auf konkrete Nutzungen durch Initiierung und
Moderation eines Diskurses unter Beteiligung aller Betroffenen,
-
Modifizierung der Entsorgungs- und Wiederverwertungsprozesse mit
Blick auf den zu erwartenden Masseneinsatz von RFID und gleichzeitig Entwicklung
umweltverträglicherer Lösungen.
Jenseits der wirtschaftlichen Auswirkungen gibt es eine
ganze Reihe von möglichen Auswirkungen des UbiComps, bei denen im Rahmen eines
wissenschaftlichen und/oder gesellschaftlichen Dialogs abgewogen werden muss, ob
Nutzen und Kosten in einem akzeptablen Verhältnis zueinander stehen.
Die wohl augenfälligste Wirkung des Ubiquitären Computings
ist die auf die Privatsphäre bzw. informationelle Selbstbestimmung. Beide
erfahren im Lichte der Allgegenwärtigkeit von Daten und Datenverarbeitung eine
Neudefinition, wobei weder der Umfang noch die Nachhaltigkeit dieser
Neubestimmung vollständig absehbar sind. Hier bieten sich folgende Aktivitäten
an:
-
Anpassung des Datenschutzrechts
an die Möglichkeiten des Ubiquitären Computings zur Überwachung und zur
Gewinnung personenbezogener Daten selbst aus ansonsten unkritischen
Datenbeständen,
-
Schaffung eines Arbeitnehmerdatenschutzgesetzes,
-
gesellschaftlicher Diskurs über die Entstehung und Nutzung von
Datenspuren im Ubiquitären Computing sowie
-
systematische Beobachtung von
neuen Technologien und Bewertung von deren Wirkung auf die
informationelle Selbstbestimmung.
Darüber hinaus ist die gesellschaftliche
Kompatibilität des Ubiquitären Computings am besten anhand konkreter
Beispiele weiter zu diskutieren. Wichtige Fragen betreffen dabei die
Nachhaltigkeit des Ubiquitären Computings nicht nur in wirtschaftlicher und
ökologischer, sondern auch in gesellschaftlicher Hinsicht. Die Sicherstellung
eines universellen Zugangs zu und der Teilhabe an den Vorteilen neuer Angebote
ist dabei ebenso wichtig wie Fragen von Systemabhängigkeit und Entziehbarkeit,
Kontrollverlust, Überwachung und verhaltensnormierenden Wirkungen. Neben dem
notwendigen gesellschaftlichen Diskurs sowie weiterer sozialwissenschaftlicher
Forschung gibt es eine Reihe von konkreten Ansatzmöglichkeiten:
-
frühzeitige Berücksichtigung von Nutzerinteressen im
Entwicklungsprozess durch ethnografische Studien und »living labs« und
-
Schaffung von tatsächlichen Wahlmöglichkeiten durch eine
Kennzeichnung von UbiComp-Systemen und ein Opt-In-Modell, bei dem die Nutzung
bestimmter Funktionen explizit bestätigt werden muss.