TAB

Zusammenfassung des TAB-Arbeitsberichtes Nr. 52

"Entwicklung und Folgen des Tourismus"



Auf Initiative des Ausschusses für Fremdenverkehr und Tourismus wurde das TAB im Oktober 1996 mit der Durchführung eines TA-Projektes "Entwicklung und Folgen des Tourismus" beauftragt. In der ersten Phase des Projektes wurde eine Bestandsaufnahme der Forschung und des Wissens zu den wesentlichen Dimensionen des Tourismus erarbeitet. Der vorliegende Bericht konzentriert sich auf den Tourismus der Deutschen und den Tourismus in Deutschland.

Das erste Kapitel stellt das Reiseverhalten der Deutschen dar. Im Anschluß daran werden folgende fünf Themenbereiche behandelt:

  • Tourismus als Wirtschaftsfaktor
  • Umweltfolgen des Tourismus
  • Technik und Tourismus
  • Motive, Einstellungen und Werte
  • Tourismuspolitik

Reiseverhalten der Deutschen: Volumen und Strukturen

Der Bericht befaßt sich zunächst mit den von der Forschung und der amtlichen Statistik bereitgestellten Daten zu Volumen und qualitativen Merkmalen (wie Zeitpunkt des Reiseantritts, Organisationsform, benutztes Verkehrsmittel) der Reisen der Deutschen. Zu all diesen Faktoren gibt es vielfältiges Material, Statistiken und Marktdaten. Man erhält dadurch einen guten ersten Einblick in die quantitative und qualitative Dimension des Tourismus als "Massenphänomen" und seine Entwicklung über die Zeit.

So verzeichnet die Reiseanalyse für Deutschland im Jahre 1996 rund 155 Mio. Reisen mit Übernachtungen. Daraus lassen sich, grob geschätzt, rund 845 Mio. Übernachtungen im Rahmen von Urlaubsreisen hochrechnen und rund 225 Mio. bei anderen Reisen. 14 Millionen ausländische Gäste übernachteten 1995 in Deutschland. Geht man von einer durchschnittlichen Aufenthaltsdauer von 2,3 Nächten aus, ergeben sich etwa 32 Mio. Übernachtungen.

Manche Zahlen (und ihre Interpretation) jedoch sind mit Vorsicht zu betrachten. Die erhobenen Daten und manche Schätzungen differieren zum Teil deutlich, ihnen liegen unterschiedliche Quellen und methodische Ansätze zugrunde. Es kommt hinzu, daß bestimmte touristische Aktivitäten in den amtlichen Statistiken nur unzureichend erfaßt werden. Aber selbst wenn man nur von den jeweiligen Mindestschätzungen ausgeht, ist die enorme Bedeutung des Tourismus unbestreitbar. Mit seinen ökonomischen, ökologischen, technischen und gesellschaftlichen Aspekten befassen sich die folgenden Kapitel.

Tourismus als Wirtschaftsfaktor

Dem Thema mangelt es in der wirtschaftswissenschaftlichen Literatur nicht an Aufmerksamkeit. Es liegen Untersuchungen und Schätzungen vor zum Beitrag der Branche zum Bruttosozialprodukt oder Volkseinkommen, zur Umsatzentwicklung und zur Beschäftigungssituation. Das Ausgabeverhalten des Durchschnittstouristen wird unter die Lupe genommen, die Entwicklung der Beherbergungskapazitäten wird analysiert. Das Angebot an Informationen ist umfassend, aber oft wenig transparent und nicht immer wirklich tragfähig.

Boombranche Tourismus?

Weltweit hat der Tourismus unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten ein besonders gutes Image: Er wird als Boombranche mit fest programmierten Wachstumsraten gehandelt und als Garant für (neue) Arbeitsplätze gesehen. Allein der deutsche Tourismus soll einen geschätzten jährlichen Gesamtumsatz von mindesten 200 Mrd. DM verbuchen. Damit läge die Branche noch vor der Chemischen Industrie (197 Mrd.) und nur knapp hinter dem Maschinenbau (203 Mrd.).

Der Hoffnungsträger in Zeiten hoher Arbeitslosigkeit und immer härter umkämpfter Märkte ist allerdings in vielen Bereichen ein Buch mit sieben Siegeln. Denn die Tourismusforschung verfügt keineswegs über ein gesichertes Datenmaterial. Defizite werden schon seit Jahren vermerkt und beklagt, aber nicht behoben: Sowohl die amtliche Statistik als auch die wirtschaftswissenschaftliche Forschung liefern nach wie vor voneinander abweichende bzw. schwer vergleichbare Zahlen. Die Situation verkompliziert sich noch, da auch internationale Gremien und Organisationen Statistiken erstellen. Eine Vernetzung mit diesen ist aber so nicht möglich. Ein so unsicheres Terrain liefert naturgemäß keine eindeutigen Fakten, sondern führt zu mangelnder Transparenz.

Eine verbindliche volkswirtschaftliche Abgrenzung des Tourismussektors fehlt bis heute. Selbst ein so vergleichsweise übersichtlicher Bereich wie das Gastgewerbe ist statistisch nur unzureichend erfaßt. Die Frage, welche Branchen im welchem Umfang überhaupt dem Tourismus zuzuordnen sind, wird in der Literatur mit einer gewissen Beliebigkeit beantwortet. Einige Untersuchungen grenzen die Branche relativ eng ein, andere rechnen auch bestimmte Umsatzanteile anderer Branchen (z.B. der Automobilindustrie) mit hinzu. Daher ist es nicht erstaunlich, daß Schätzungen über den Anteil des Tourismus am BIP stark differieren - von 5,6 Prozent (Schätzung der OECD für das alte Bundesgebiet) bis zu 12,9 Prozent (World Travel & Tourism Council 1995 für Gesamtdeutschland). Gleiches gilt für die Einschätzung der Beschäftigungsentwicklung des Tourismus.

Arbeitgeber Tourismus?

Die mangelhafte statistische Erfassung der Daten ist auch bei der Beurteilung der Arbeitsmarktsituation im Tourismussektor problematisch. Lediglich für die touristischen Kernbereiche Gaststätten- und Beherbergungsgewerbe lassen sich Informationen ableiten. Doch auch hier sind eindeutige Daten bislang nicht erhältlich. Daher wird das Arbeitsvolumen im Tourismus mehr oder weniger großzügig hochgerechnet. Die Zahlen schwanken entsprechend.

Im touristischen Sektor sind häufig ungelernte Arbeitnehmer oder Teilzeitkräfte beschäftigt. Viele Arbeitsplätze sind saisonal befristet. Neu geschaffene Arbeitsplätze sind oft nur verschobene Arbeitsplätze aus anderen Bereichen. Die vielfach geäußerten Hoffnungen auf neue und auch qualitativ wertvolle Arbeitsplätze und die gehandelten Prognosen mit ihren z.T. erstaunlichen Wachstumsraten lassen kein sicheres Fundament erkennen. Auch wenn die Chancen da sind, daß die Tourismusbranche zusätzliche Arbeitsplätze bereitstellen könnte - vor übertriebenen Hoffnungen ist zu warnen.

Folgen des Datenwirrwarrs: fehlende Orientierung

Die defizitäre Datenlage ist aber nicht nur ein Problem akademischer Natur, sondern durchaus praktisch (und politisch) relevant. Je nachdem, wie man die Daten interpretiert, kommt man zu gänzlich verschiedenen Wertungen. Dann lassen sich Wachstumspotentiale erkennen oder nicht, lassen sich wirtschaftliche Risiken betonen oder als gering einstufen, kann man Deutschland als Tourismus-Standort loben oder in Gefahr sehen. Werbung und Marketing im Tourismusbereich hängen dadurch gewissermaßen in der Luft. Wenn überzeugende Belege fehlen und widersprüchliche Zahlen genutzt werden, ist es auch für die Politik schwer, angemessene Instrumente einzusetzen und sinnvolle Maßnahmen zu treffen.

Zur Behebung dieser seit langem unbefriedigenden Situation sind Anstöße durch die Politik wünschenswert: Sie sollten in Richtung einer zumindest schrittweisen Verbesserung der amtlichen Statistik und einer fundierten ökonomischen Grundlagenforschung gehen. Dies könnte ein Beitrag dazu sein, die wirtschaftliche Bedeutung und Perspektiven des Tourismus in Deutschland überzeugender als bislang in das öffentliche Bewußtsein zu heben. Impulse sind auch im Blick auf die (monetäre) Bewertung der sogenannten externen Kosten des Tourismus notwendig.

Umweltfolgen des Tourismus

Auch eine Bestandsaufnahme zum Thema "Umwelt und Tourismus" zeigt auf den ersten Blick eine enorme Fülle an Literatur. Zu den "ökologischen Todsünden" des Tourismus wie Ressourcenverbrauch, Entsorgungsdruck durch hohes Abfallvolumen, Beeinträchtigung des Landschaftsbildes, Flächenverbrauch, Versiegelung des Bodens, Artenrückgang, Bedrohung von Pflanzengesellschaften gibt es zahlreiche und oft sehr detaillierte Abhandlungen.

Daten- und Bewertungsprobleme

Informations- und Wissenslücken erschweren eine angemessene Einschätzung der durch den Tourismus verursachten Umweltbelastungen. Zum einen fehlen aussagekräftige Daten für eine exakte Abgrenzung und Beschreibung der tourismusinduzierten Umweltprobleme. Zweitens ist das Wissen über kausale Zusammenhänge ökologischer Wirkungsketten oft lückenhaft, so daß nur selten eindeutig zu belegen ist, welche Auswirkung konkrete Belastungen auf die Umwelt haben. Wenn aber die Frage, wie gefährlich und wie dringlich eine Belastung wirklich ist, eher intuitiv beantwortet wird, ist es schwierig, zu entscheiden, wo die Prioritäten hinsichtlich Forschungs- und Handlungsbedarf zu setzen sind. Und dann fällt es auch schwer, sich auf die notwendigen Instrumente zu verständigen.

Spannung zwischen lokaler und globaler Perspektive

In der Literatur werden überwiegend lokale, regionale und akute Umweltbelastungen untersucht. Das ist zunächst einmal verständlich, denn solche Umwelteinwirkungen werden direkt erfahren; sie sind mit Einschränkungen quantifizierbar und in gewissen Grenzen auch steuerbar. Eine spezialistische Sichtweise versperrt jedoch den Blick auf die globale Problemhierarchie des Tourismus. Besonders hoher Handlungsbedarf besteht oft gerade bei den Belastungen, deren Auswirkungen noch nicht unmittelbar spürbar sind. Der Blick auf das Naheliegende und Dringliche hat zur Folge, daß der bedeutsame Zusammenhang des Tourismus mit globalen Umweltfragen wie dem Treibhauseffekt, dem irreversiblem Flächenverbrauch, der Verknappung fossiler Energieträger nur unzureichend dargestellt wird. So ist z.B. die Klimafolgenforschung im Bereich Tourismus noch unterentwickelt.

Das ist kein Plädoyer dafür, akute und lokale Probleme auf sich beruhen zu lassen. Unter regionalen Aspekten betrachtet, stehen insbesondere viele Küstenbereiche, Orte und Städte erheblich unter Umweltstreß. Aber es muß eine bessere Balance angestrebt werden bei der Beurteilung kurzfristig manifester Probleme und der Analyse globaler Belastungen.

Auf der Suche nach Konsens

Die Folgen des Tourismus konstituieren kein "klassisches" Umweltproblem. Seine Folgen sind neuartig vor allem deshalb, weil nicht durch eindeutige Verursacherstrukturen und Ursache-Wirkungs-Beziehungen gekennzeichnet. Als Summe vielfältiger sozialer Verhaltensformen und als Konsumaktivität sind seine ökologischen Folgen weder primär technischer Natur noch mit Technikeinsatz in den Griff zu bekommen. Bereits die ökologischen Diagnosen, aber erst recht Maßnahmen und Instrumente, die auf Verhaltensänderung zielen, erfordern deshalb einen breiten gesellschaftlichen Konsens. Dies gilt insbesondere für präventive Maßnahmen, weil mit Reparaturmaßnahmen allein Fortschritte nicht zu erzielen sind.

Ein Konsens aber oder die Verankerung einer Umweltethik im Tourismus lassen sich nur erreichen, wenn man über eine solide Daten- und Wissensbasis verfügt und wenn man sich darüber verständigen kann, aufgrund welcher Ziele welchem Forschungs- und Handlungsbedarf Priorität eingeräumt werden soll. Ohne konsensfähige Ziele und Bewertungskriterien läßt sich ernsthafte Aufklärung nur schwer betreiben.

Hierfür wären verstärkte interdisziplinäre und problemorientierte Forschung und intensivere Kommunikation zwischen den Akteuren im Tourismus nötig und müssen auf tourismuspolitischer Ebene ressortübergreifend komplexe Strategien entwickelt werden.

Technik und Tourismus

Tourismus ist abhängig von einer technischen und organisatorischen Infrastruktur. Als Massenphänomen läßt er sich nur durch den Einsatz von Verkehrs-, Informations- und Kommunikationstechnologien managen. In diesem Kapitel des Berichts wird dargelegt, welche Technologien die Tourismusbranche heute schon einsetzt und welche Trends absehbar sind. Dabei geht es vor allem um drei Bereiche des Tourismus: Transport, Aufenthalt sowie Organisation und Administration.

Transport: größer, schneller, sicherer

Wachsende Passagierkapazitäten und das Bestreben der Veranstalter, kürzere Reisezeiten und größere Reichweiten anbieten zu können, erfordern den Einsatz und die Entwicklung immer größerer und schnellerer Transportmittel. Durch eine Verbesserung der Triebwerke, der Motoren, durch eine optimierte Aerodynamik oder die Entwicklung leichterer Werkstoffe soll der Treibstoffverbrauch reduziert werden - aus ökologischen, aber natürlich auch aus wirtschaftlichen Gründen. Elektronische Sicherheitssysteme (im Flugzeugbereich) und ergonomischere Sitze sollen die Sicherheit und den Komfort der Passagiere verbessern.

Unterkünfte: spezialisiert und mit intelligenter Technik

Im Hotelbereich wird Technik bislang vor allem genutzt, um Personal zu sparen und den Service kostengünstig zu verbessern und zu erweitern. Elektronik wird auch touristische Unterkünfte "intelligenter" machen. Auffällig sind die vielfältigen Spezialisierungsstrategien im Hotelsektor. Sie könnten aus dem klassischen Allzweckhotel bald eine Randerscheinung machen. Im Sektor Bewirtung haben sich wesentliche Veränderungen durch Computeranwendungen für Managementaufgaben und durch neue Methoden der Speisenzubereitung ergeben. Dieser Trend wird sich fortsetzen.

Organisation und Administration: Siegeszug neuer Medien

Informations- und Kommunikationstechnologien werden in der Tourismusindustrie schon seit längerem eingesetzt. Professionelle Marktteilnehmer nutzen seit langem computergestützte globale und nationale Reservierungs- und Distributionssysteme. Die eigentliche Durchdringung der gesamten Branche und der Kommunikation der Akteure steht noch aus: Internet, Online-Dienste, multifunktionale Chipkarten, Verkaufsautomaten und das interaktive Fernsehen werden an Bedeutung zunehmen. Das Informationsangebot wird vielfältiger, anschaulicher, im Prinzip weltweit und jederzeit verfügbar. Der Endkunde wird verstärkt den direkten Zugang zu den Reservierungs- und Buchungssystemen wählen; auch der Direktvertrieb touristischer Produkte mittels neuer Medien durch die Leistungsanbieter wird sich weiter durchsetzen.

Strukturwandel

Der innovative Einsatz von Informations- und Kommunikationstechnologien im Tourismusbereich steckt insbesondere in Deutschland noch in den Anfängen, wird aber mittel- bis langfristig weitreichende, und durchaus ambivalente Folgen haben.

  • IuK-Technologien führen zu Rationalisierungsgewinnen und zur Verbesserung der internationalen Wettbewerbsfähigkeit, aber auch zum Verlust von Arbeitsplätzen.
  • Es sind teils stark veränderte, teils neue Organisationsstrukturen und Arbeitsabläufe zu erwarten. Es wird Gewinner, aber auch Verlierer geben.
  • Manche Funktionen werden zunehmend an spezialisierte Anbieter ausgelagert, bisherige Kernfunktionen werden an Bedeutung verlieren.
  • Die am Horizont auftauchende "neue Direktbuchungswelt" könnte insbesondere für die Reisemittler als wichtiges Glied in der Wertschöpfungskette zum Problem werden.
  • Neue Wettbewerber werden auftreten. Das wird die Attraktivität des Marktes steigern, aber auch etablierte Marktpositionen gefährden.

Generell muß man davon ausgehen, daß die etablierte Tourismusbranche vor erheblichen Herausforderungen steht. Dies gilt auch für die Vermarktung des Standorts Deutschland. Um Probleme frühzeitig erkennen und die Chancen des Strukturwandels nutzen zu können, sind gezielte, interdisziplinäre und problemorientierte Folgenanalysen dringend erforderlich. Für die Forschung eröffnet sich hier noch ein weites Feld, insbesondere um Handlungs- und Gestaltungsmöglichkeiten für Entscheidungsträger auszuleuchten.

Motive, Einstellungen und Werte

Warum verreist der Mensch? Wohin fährt er am liebsten und was macht er, wenn er am Ziel angelangt ist? Diese Fragen stellen sich Motivforscher aus den unterschiedlichsten Disziplinen schon seit langem. Jedes Jahr aufs Neue wird deshalb der "homo turisticus" nach Gründen seines Tuns befragt. Dieser Teil des Berichts liefert eine Bestandsaufnahme der wichtigsten Erkenntnisse und Erklärungsmuster.

Unter der Lupe der Motivforscher

Die Forschung stimmt darin überein, daß eine Vielzahl, einander zum Teil bedingender Faktoren mitbestimmend dafür sind, wie oft jemand eine Urlaubsreise macht, wohin er fährt, und was er am Urlaubsort unternimmt. Dazu gehören u.a. das Bildungsniveau, die berufliche Stellung, das Einkommen, die Größe des Wohnorts und das Alter. Mitentscheidend für die Wahl des Urlaubsortes sind daneben familiäre und finanzielle Gründe, das touristische Image des Zielgebietes oder die dort erwartete Umweltqualität.

Solche Zusammenhänge sind zwar interessant, erklären aber noch nicht, welche Bedürfnisse den Menschen bewegen, überhaupt zu reisen und dabei bestimmte Aktivitäten an den Tag zu legen. Diesen Fragen widmen sich verschiedene Richtungen - einmal die empirische Motivforschung, aber auch psychologische und soziologische Ansätze. Ihr Gegenstand sind die Motive und Einstellungen, aber auch die Lebensstile der Touristen.

Seit Beginn der 80er scheinen die Motive Genuß/Geselligkeit/Bewegung/ Horizonterweiterung zunehmend wichtiger geworden zu sein. Auf die Natur bezogene Motive hatten Ende der 80er Jahre ihren Höhepunkt. Seither haben sie - leicht - an Bedeutung verloren. Aber das zentrale Urlaubsmotiv über die Jahre ist und bleibt eindeutig die Erholung.

Um das Zustandekommen von Urlaubsmotiven zu erklären (und nicht nur nachzuweisen), wird versucht, die Fülle und den Wandel der Motive in übersichtliche Kategorien einzuordnen. Das Spektrum der Erklärungsmuster ist breit. Reisen wird gedeutet als menschliches Grundbedürfnis, Prestigestreben, Flucht aus dem Alltag oder als spezifisches Konsumverhalten. Die meisten Erklärungen haben aber einen Nachteil: Sie beruhen auf empirisch nicht belegten Annahmen oder werden allenfalls dadurch begründet, daß Reisende in Umfragen entsprechende Antworten gegeben haben. Auf eine direkte Frage nach seinem Reisemotiv teilt ein Reisender aber seine Selbsteinschätzung mit, d.h. er nennt nicht unbedingt seine wirklichen Beweggründe. Die empirische Motivforschung ist u.a. deshalb - bei allen Verdiensten - nicht unumstritten.

Neue Wünsche - neuer Tourismus?

Es gibt Ansätze, Urlaubsmotive in gesellschaftliche Strukturen einzuordnen: Als Teil der Konsum- und Erlebnisgesellschaft mit ihren vielfältigen Wahlmöglichkeiten sei der Tourist der Zukunft immer schwerer kalkulierbar, die Tourismusbranche müsse sich auf den "hybriden Verbraucher" einstellen, der mit simplem Erholungsurlaub nicht länger zufriedenzustellen sei.

Ob wir nun tatsächlich am Beginn des vielfach prognostizierten hedonistischen Konsumzeitalters stehen, bleibt abzuwarten. Welche Marktanteile Extremurlauber, chic-Traveler und andere Trendtouristen letztlich ausmachen, weiß man noch nicht. Daß der Stammgast und der "markentreue" Tourist wirklich aussterben, ist zunächst nur eine interessante These. Um die künftige touristische Entwicklung und Marktpotentiale abschätzen zu können, wäre es in der Tat wichtig, verbesserte Grundlagen für die Erklärung und Prognose von Verhaltensmustern und -änderungen zu haben. Hierzu wären einige Defizite in der Forschung zu beheben.

  • Die empirische Motivforschung sollte sich stärker von einem theoretischen Rahmen anleiten lassen. Auch ein Brückenschlag zu den Gesellschaftswissenschaften könnte hier hilfreich sein.
  • Um den Zusammenhang von Wertewandel und touristischem Verhalten stimmiger analysieren zu können, sind empirische Studien nötig. Die Zusammenarbeit mit verschiedenen Disziplinen, z.B. Psychologie und Soziologie, müßte entscheidend verbessert werden.
  • Angesichts der großen Bedeutung, die der Information des Touristen zukommt, wäre es sinnvoll, vor der Inszenierung weiterer Aktivitäten, die Grenzen und Möglichkeiten von Aufklärung bewußter zu machen. Deshalb sollte erforscht werden, welchen Stellenwert Umweltbewußtsein, Umweltverhalten und Umweltlernen im touristischen Verhalten haben.

Politik

Die Tourismuspolitik auf Bundesebene ist seit Jahren Gegenstand von Kritik. Es wird vor allem bemängelt, daß ihren Aktivitäten kein realitätsgerechtes Konzept zugrundeliege, die Koordination der einzelnen Fachpolitiken nicht ausreichend sei und der Einsatz der Instrumente weitgehend unabgestimmt erfolge.

Tourismuskonzeption: isoliert vom gesellschaftlichen Kontext?

Vielfach wird von der Politik auf Bundesebene ein Leitbild touristischer Entwicklung gefordert - zumindest ein ausgereiftes Konzept. Dem geltenden Grundsatzprogramm spricht man eine Leit- und Orientierungsfunktion nicht zu, weil ihm keine Analyse der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Dimensionen des Tourismus zugrunde liege. Kritisiert wird ferner die starke wirtschaftspolitische Färbung des Umgangs mit dem Tourismus: Tourismuspolitik wird in Deutschland als Wirtschaftspolitik verstanden und entsprechend betrieben. Eine Integration anderer Dimensionen und insbesondere von Umweltaspekten ist noch nicht gelungen.

Im Dickicht der Kompetenzen: Tourismus als Nebenpolitik

Auf Bundesebene findet sich außer dem "Ausschuß für Fremdenverkehr und Tourismus" des Bundestages kein öffentlicher Akteur, der sich ausschließlich mit Tourismus befaßt. Eine "Fachpolitik Tourismus" existiert nicht. Vielmehr sind tourismuspolitische Fragen diversen Fachpolitiken zu- und untergeordnet; innerhalb der Ministerien sind tourismuspolitische Aktivitäten stets Nebenaktivitäten. Über die Befassung mit tourismuspolitischen Einzelaufgaben hinaus, trifft fast jedes Ministerium Entscheidungen, die sich direkt oder indirekt tourismuspolitisch auswirken. Dazu kommen die zahlreichen Akteure auf Landes- und kommunaler und nicht zuletzt auf internationaler Ebene. Derart entsteht ein weites Feld tourismuspolitischer sowie tourismuspolitisch relevanter oder folgenreicher Aktivitäten. "Tourismuspolitik" aber im Sinne einer gut koordinierten, abgestimmten Politik gibt es nicht. Dazu sind die Akteure zu zahlreich, die Kompetenzen zu stark aufgeteilt: Tourismuspolitik in der Verflechtungsfalle.

Unzureichende Kommunikation, mangelhafte Abstimmung

Die komplexen Akteursbeziehungen bringen Mängel in Kommunikation und Abstimmung mit sich. Diese werden verstärkt durch geringe personelle Ausstattung der für Tourismus zuständigen Stellen. Die Ressorts auf Bundesebene arbeiten nicht regelmäßig zusammen, sondern von Fall zu Fall und informell. Das fördert zwar die Flexibilität, garantiert aber keine (rechtzeitige und ausreichende) Koordination und kann Zielkonflikte nicht verhindern.

Die Kommunikation zwischen Politik und Tourismuswirtschaft läßt immer noch zu wünschen übrig. Die Bund-Länder-Kontakte funktionieren auf den ersten Blick zwar gut, allerdings stehen überwiegend rein wirtschaftspolitische Fragen zur Abstimmung. Im Blick auf die tatsächlich erheblichen Auswirkungen einer Vielzahl von EU-Aktivitäten wird man sich in der Politik des Bundes besser als bislang auf die wachsende Bedeutung der EU-Politik einstellen müssen. Entsprechend wichtig wird die kontinuierliche und effektive Vertretung deutscher Interessen bei der EU.

Die Politik kann den Tourismus in vielfältiger Weise beeinflussen: durch marktwirtschaftliche, ordnungsrechtliche oder steuerliche Instrumente, durch die Vergabe von Fördermitteln etc. Bei deren Gestaltung und Anwendung aber zeigt sich, daß der Tourismus überwiegend nicht ihr Ziel ist. Die einzelnen Instrumente sind wenig aufeinander bezogen, bei ihrem Einsatz mangelt es an Abstimmung. Vor allem die tourismuspolitischen Wirkungen des Förderinstrumentariums werden nicht vorab analysiert.

Tourismusforschung und Praxis: ein schwieriger Dialog

Der Dialog zwischen Tourismusforschung einerseits und Politik und Wirtschaft andererseits wird allgemein als nicht optimal eingestuft. Eine Ursache dafür wird in den bekannten Strukturmängeln abgeschotteter Ressortforschung gesehen. Eine zweite Ursache wird man darin sehen können, daß die Tourismuswissenschaften ganzheitliche Problemanalysen, auf denen eine Tourismuspolitik aufbauen könnte, bisher nur selten in Angriff genommen haben.

Die eigentliche Blockade jedoch bilden die gewachsenen Strukturen der Forschungslandschaft. Es fehlen ausreichende Voraussetzungen und Anreize für problemorientierte, interdisziplinäre und anwendungsorientierte Forschung. Positive Ansätze in der Forschungsförderung müßten auch für das Thema Tourismus genutzt werden.

Eine politische Option wäre deshalb, Anstöße für ein praxisrelevantes Forschungsprogramm "Tourismus als Bedürfnis- und Handlungsfeld" zu geben, das zwischen den Ressorts - vor allem BMWi und BMU - abgestimmt sein sollte. Ergänzend wäre an eine intensivere Berücksichtigung des Tourismus in der Arbeit der Räte und Beiräte der Bundesregierung zu denken.

Fazit: ein neuer Anlauf für eine Grundsatzdebatte

Die zentrale Frage ist, ob die gegenwärtige Politik dem gesamtgesellschaftlichen und globalen Stellenwert des Tourismus gerecht werden kann. Die momentanen tourismuspolitischen Rahmenbedingungen sind auf die Dauer nicht geeignet, eine ökonomisch tragfähige und ökologisch verträglich Entwicklung zu sichern. Die Lösung liegt nicht in einer zentralistischen Tourismuspolitik des Bundes. Wünschenswert wäre aber eine integrierte Konzeption einer Tourismuspolitik, mit deren Hilfe es - einen klaren politischen Willen vorausgesetzt - besser gelingen könnte, programmatische Anstöße zu geben, politische Aktivitäten stärker als bisher zu koordinieren und die Diskussion über neue Leitbilder und Instrumente zu moderieren und mitzugestalten. Eine politische und öffentliche Debatte über einen neuen Stil in der Tourismuspolitik sollte geführt werden.


Stand: Oktober 1997 - buero@tab.fzk.de