![]() |
Zusammenfassung des TAB-Arbeitsberichtes Nr. 58"Forschungs- und Technologiepolitik für eine nachhaltige Entwicklung"
Wissenschaft und Technik wird vielfach eine Schlüsselrolle für die Konkretisierung und Umsetzung des derzeit die nationale wie auch die internationale Diskussion um die Perspektiven einer umweltverträglichen Wirtschafts- und Produktionsweise beherrschenden Leitbildes der "nachhaltigen Entwicklung" zuerkannt. Mit den Herausforderungen, die sich aus dem Leitbild für die Forschungs- und Technologiepolitik ergeben, beschäftigte sich das TAB seit Ende 1995 in einem Monitoring-Projekt, seit 1997 wird das Thema in einem TA-Projekt weitergeführt. Mit dem vorliegenden Zwischenbericht schließt das TAB die erste Phase des Projektes ab. Der im Rahmen des Monitoring erarbeitete international vergleichende Überblick über Ansätze einer Integration des Leitbildes nachhaltige Entwicklung in die FuT-Politik (TAB-Arbeitsbericht Nr. 50) hatte ergeben, daß insbesondere das niederländische Programm "Duurzame Technologische Ontwickeling" (DTO, "nachhaltige Technikentwicklung") einen Ansatz darstellt, der den von TAB erarbeiteten Kriterien einer "nachhaltigen FuT-Politik" Rechnung trägt. Den Schwerpunkt der Arbeiten zur ersten Phase des TA-Projektes bildete deshalb eine Analyse des niederländischen Ansatzes und die Frage seiner Übertragbarkeit auf die deutsche FuT-Politik. Daneben wurden weitere Recherchen zur praktischen Bedeutung des Leitbildes in der Forschungs- und Technologiepolitik europäischer Länder angestellt und ein Überblick über den Stand der gesellschaftlichen Diskussion um nachhaltige Entwicklung erarbeitet. Das Leitbild in der gesellschaftlichen DiskussionVoraussetzung einer erfolgreichen Umsetzung des Leitbildes in die FuT-Politik ist die Verankerung des Leitbildes in der gesellschaftlichen Diskussion und den Handlungsstrategien gesellschaftlicher und politischer Akteure. Zwar ist die inhaltliche Bestimmung des Leitbildes weitgehend umstritten und es lassen sich mit ihm unterschiedliche Vorstellungen der gesellschaftlichen Entwicklung verbinden - vom Modell des "weiter wie bisher" bis zur Vorstellung eines "Abschieds vom westlichen Wirtschafts- und Wohlstandsmodell". Andererseits bildet die offene inhaltliche Bestimmung des Leitbildes die Grundlage für seinen gesellschaftlichen und politischen Erfolg. "Nachhaltige Entwicklung" scheint eine in der Gesellschaft weitgehend geteilte Beschreibung gesellschaftlicher Problemlagen und politischer Zukunftsaufgaben zu bieten. In weiten Teilen der Gesellschaft - von der Wirtschaft bis hin zu Umweltverbänden - wird gesellschaftliche Entwicklung nicht mehr allein im Sinne einer Erhöhung des materiellen Wachstums verstanden, sondern im Sinne einer qualitativen Veränderung der Wirtschafts- und Lebensbedingungen. Auch wenn die Vorstellungen davon, welche Veränderungen in den verschiedenen gesellschaftlichen Sektoren erforderlich sind, stark differieren, kann doch eine weitgehend geteilte Einschätzung des Stellenwerts von Zukunftsgestaltung als Kennzeichen der Debatte um nachhaltige Entwicklung festgehalten werden. Zukunftsgestaltung erhält im Rahmen des Leitbildes einen vorsorgenden Charakter, die den Schutz der Lebensgrundlagen zukünftiger Generationen in die heutige Planung mit einbezieht. Insofern wäre eine Orientierung der FuT-Politik auf "Nachhaltigkeit" hin durchaus anschlußfähig an die Perspektiven und Strategien auch wichtiger Akteure des Innovationssystems. Schwierigkeiten bestehen aber nach wie vor bei der Operationalisierung des Leitbildes. Hier - bei der Konkretisierung von Zielen und Maßnahmen einer Gestaltung der ökologischen, sozialen und ökonomischen Dimensionen von nachhaltiger Entwicklung - schlagen die unterschiedlichen Perspektiven und Interessen der gesellschaftlichen Akteure durch. Eine "nachhaltige" FuT-Politik kann und sollte anknüpfen an die verschiedenen differenzierten Versuche einer Bestimmung von Nachhaltigkeitszielen und -indikatoren - so z.B. an die Studie "Zukunftsfähiges Deutschland" des Wuppertal-Institutes und die Arbeiten der Enquete-Kommission "Schutz des Menschen und der Umwelt". Nach wie vor aber wird es eine wesentliche Aufgabe der Wissenschaft - und damit auch der FuT-Politik - sein, durch eine integrierte Untersuchung ökologischer, sozialer und ökonomischer Wirkungszusammenhänge zur Konkretisierung der Problembeschreibung, der Entwicklung von Inidikatoren und der Entwicklung erfolgreicher Nachhaltigkeitsstrategien beizutragen. Das Leitbild in der FuT-Politik europäischer LänderDem Leitbild nachhaltige Entwicklung kommt eine wachsende Bedeutung in der internationalen Diskussion um die politische Gestaltung des technischen Wandels zu und findet auch in einzelnen europäischen Ländern einen praktischen Niederschlag in der FuT-Politik in Form neu aufgelegter, an Nachhaltigkeit orientierter Forschungsprogramme. Neben spezifischen Programmen zu Themen der Umweltforschung und Umwelttechnik werden technologiefeldübergreifende Programme aufgelegt, die sich der Erforschung von nachhaltigen Problemlösungen für bestimmte Regionen, wirtschaftliche Sektoren oder Bedürfnisfelder widmen. Dabei zeigt sich:
Insgesamt läßt sich eine spezifische Kontur "nachhaltiger FuT-Politik" - über die genannten im einzelnen auffindbaren Aspekte hinaus - bisher nicht erkennen. Nachhaltigkeit spielt als Zielvorgabe in FuT-Programmen vieler Industrieländer eine Rolle, zu einer Neuorientierung hinsichtlich etwa der Verfahren zur Generierung von Forschungsfragen und aussichtsreichen Entwicklungsprojekten und der Instrumente der Forschungsförderung hat dies bisher nicht geführt. Es werden vor allem kleinere Einzelprogramme zur Erforschung spezieller mit Nachhaltigkeit verbundener Fragen aufgelegt - wie z.B. zu nachhaltigen Konsum- und Lebensstilen. Das niederländische Programm zur nachhaltigen Technologieentwicklung Duurzame Technologische Ontwickeling kann als ein hinsichtlich der Zielsetzung und Methode herausragender Ansatz zur Transformation der Technologiepolitik unter der Perspektive der nachhaltigen Entwicklung angesehen werden. In keinem anderen Land findet sich ein vergleichbarer Ansatz, der sich explizit der Entwicklung nachhaltiger Innovationen widmet und dabei auch vom Verfahren der Programmabwicklung her versucht, neue, der Durchsetzung nachhaltiger Innovationen zuträgliche Wege zu beschreiten. Das Programm kann so nicht nur von seiner Zielsetzung her, sondern auch hinsichtlich der Art und Weise der FuT-Förderung als innovativ angesehen werden. Das niederländische DTO-ProgrammDas DTO-Programm versteht sich nicht als FuT-Programm im eigentlichen Sinne, sondern kann zum einen als eine Art Meta-Forschungsprogramm gesehen werden, das darauf abzielt, die Methoden zu untersuchen, mit denen sich die beabsichtigten und für eine nachhaltige Entwicklung notwendigen "großen Sprünge" in der Technikentwicklung erzielen lassen. Zum anderen versteht sich das Programm als "Stimulations- und Demonstrationsprogramm", mittels dessen Ziele und Möglichkeit nachhaltiger Technikentwicklung aufgezeigt werden sollen, um so selbstorganisierte Prozesse nachhaltiger Innovationsprozesse in Gang zu setzen. Die Praktikabilität und der Nutzen des Leitbildes Nachhaltigkeit als neues Paradigma der Technikentwicklung soll demonstriert werden. Hierbei soll das Programm als "Katalysator" wirken. Da die Entwicklung nachhaltiger Technik als langfristiger Prozeß angesehen wird, dient das Programm in erster Linie dazu
Das Erfolgskriterium des von fünf Ministerien getragenen Programmes besteht - bei einer befristeten Laufzeit von 5 Jahren (1993-1998) und einem begrenzten Budget von 25 Mio. Gulden - nicht in der anwendungsreifen Entwicklung nachhaltiger Technik, sondern in der Übernahme und Weiterentwicklung von Untersuchungsergebnissen des Programmes durch Unternehmen gesellschaftliche Gruppen und Forschungseinrichtungen. Das DTO-Programm basiert nicht auf einer neuen, nicht schon auch in anderen Kontexten erprobten Methode, stellt aber in der Kombination verschiedener Verfahren im Hinblick auf das Ziel, neue, nicht unmittelbar aus der Weiterentwicklung vorhandener Technologielinien ableitbare und an einer soweit wie möglich konkretisierten nachhaltigen Wirtschafts- und Lebensweise orientierte Innovationsprozesse in Gang zu setzen, einen innovativen Weg in der Forschungs- und Technologiepolitik dar. Das methodische Vorgehen des Programmes umfaßt im wesentlichen die folgenden Schritte. Auf der Basis von Bedürfnisfeldanalysen, die Aufschluß darüber geben sollen, welche Bedürfnisse im Jahr 2040 in verschiedenen Bedürfnisfeldern bestehen, werden in einem sogenannten Back-casting-Verfahren geeignete Beispiele für Technologien ausgewählt, die eine nachhaltige Befriedigung dieser Bedürfnisse gewährleisten könnten. Diese werden in Illustrationsprozessen hinsichtlich der technologischen und ökonomischen Bedingungen ihrer Realisierbarkeit untersucht. Für einen Teil dieser illustrierten Technologielinien werden dann konkrete FuE-Programme erarbeitet und ihre Implementierung vorbereitet. In vielerlei Hinsicht werden im DTO-Programm die vom TAB entwickelten Kriterien für eine nachhaltige Forschungspolitik umgesetzt. So erfolgt die Definition von Aufgaben der Forschung und der Technikentwicklung nicht ausgehend von bestehenden Techniklinien. Vielmehr werden ausgehend von den im niederländischen nationalen Umweltplan definierten Umweltzielen im Hinblick auf eine nachhaltige Entwicklung zu lösende Probleme in unterschiedlichen Bedürfnisfeldern bestimmt. Hieran orientiert werden dann geeignete Techniklinien und Forschungsaufgaben definiert. Es scheint im Rahmen des Programmes auch gelungen zu sein, grundlagen- und anwendungsorientierte Forschung durch den Aufbau oder Anstoß neuer Forschungs- und Entwicklungsnetzwerke zu verbinden. Ebenso wurde durch das Back-casting-Verfahren eine langfristige Orientierung der verfolgten Forschungs- und Entwicklungsprojekte gewährleistet, und diese konnten in einzelnen Fällen auch mit mittelfristigen Interessen der Industrie verbunden werden. Insgesamt scheint dem DTO-Programm für einzelne Projekte der Aufbau von Akteursnetzwerken aus Politik, Wissenschaft und Wirtschaft zur Verfolgung langfristiger an nachhaltiger Entwicklung orientierter Forschungs- und Entwicklungsprozesse gelungen zu sein. Das Programm eröffnet über die im einzelnen geförderten Projekte hinaus einen erfolgversprechenden Weg zur Stimulierung von Innovationsprozessen für eine nachhaltige Entwicklung, die trotz der notwendig langfristigen und unsicheren Entwicklungsperspektive anschlußfähig an Strategien und Interessen der Akteure des Innovationssystems sind - so werden einige durch das Programm angestoßene Ideen derzeit in anderen niederländischen Forschungsprogrammen aufgegriffen und weitergeführt. Übertragbarkeit des DTO-Ansatzes auf die deutsche FuT-PolitikDas TAB hat ausgehend von den in Deutschland gegebenen Voraussetzungen (vorliegende Ansätze zur Operationalisierung des Leitbildes, Bedeutung des Leitbildes in der gesellschaftlichen und politischen Diskussion und in der FuT-Politik) Überlegungen zur Übertragbarkeit des DTO-Ansatzes auf die deutsche FuT-Politik und zu den möglichen Konturen eines deutschen FuT-Programmes zur Förderung nachhaltiger Innovationen angestellt. Ein Aufgreifen des niederländischen Ansatzes, mit den im Hinblick auf einige (auch in der niederländischen Diskussion thematisierte) Defizite und auf die deutsche Situation nötigen Modifikationen, erscheint auch für die deutsche FuT-Politik geeignet, um die Möglichkeiten der Implementation des Leitbildes als neues Paradigma von Forschung und Entwicklung zu überprüfen. Auch in der deutschen Diskussion wird die Initiierung von Suchprozessen nach Inhalten und Aufgaben einer nachhaltigen Forschung und Technikentwicklung gefordert (Enquete-Kommission "Schutz des Menschen und der Umwelt", SRU, UBA, Wissenschaftsrat). Eine Weiterentwicklung von Konzepten und Instrumenten einer nachhaltigen Forschungspolitik und ein Test der Praktikabilität, d.h. der Grenzen und Möglichkeiten, Forschung- und Entwicklung an Kriterien wie Interdisziplinarität, Akteursbezug u.a. auszurichten, läßt sich letztlich nur von praktischen Versuchen der Implementation des Leitbildes in FuT-Programme erwarten. Bei einer möglichen Adaption des Ansatzes für die deutsche FuT-Politik können Schwächen des Programmes - wie beispielsweise die Orientierung an einem rein technischen auf Effizienzsteigerung zielenden Innovationsbegriff und eine mangelnde Integration von Umwelt und Verbrauchergruppen in die Phase der Definition von Entwicklungslinien - berücksichtigt werden. Zu berücksichtigen sind auch unterschiedliche institutionelle Voraussetzungen einer an Nachhaltigkeit orientierten FuT-Politik in den Niederlanden und in Deutschland. Für das Zustandekommen und den Erfolg des Programmes in den Niederlanden kann die Anbindung des Programmes an die im niederländischen nationalen Umweltplan vorgegebenen Ziele als wesentlich gelten. Auch ist in den Niederlanden eine ressortübergreifende, interministeriell koordinierte Organisation der FuT-Politik seit langem gängige Praxis. Insgesamt aber bieten die differenzierte und rege deutsche Diskussion um nachhaltige Entwicklung, die eine Reihe ambitionierter Versuche der Operationalisierung von Nachhaltigkeit hervorgebracht hat, wie auch die Tatsache, daß das Leitbild zumindest in der Umweltpolitik und auch in einer Reihe von Einzelprogrammen des BMBF politisch verankert ist, gute Voraussetzungen für die Initiierung eines langfristig angelegten an definierten Zielen nachhaltiger Entwicklung ausgerichteten Programmes zur Konkretisierung "nachhaltiger" FuT-Projekte in Zusammenarbeit mit den verschiedenen Akteuren des Innovationssystems. Stand: Juni 1998 - buero@tab.fzk.de |