Zusammenfassung des TAB-Arbeitsberichtes Nr. 71
"Folgen von Umwelt- und Ressourcenschutz für
Ausbildung, Qualifikation und Beschäftigung"
Umweltschutz stand lange Zeit als wirtschaftlicher Kostenfaktor und
"Job-Killer" unter Legitimationsdruck. In letzter Zeit wird aber
vermehrt die These einer "doppelten Dividende" des
Umweltschutzes vertreten, wonach die Erreichung besserer Umweltqualität
bei gleichzeitiger Verbesserung der Beschäftigungssituation möglich ist.
Umweltschutz könne somit einen wesentlichen Beitrag zur Lösung der
aktuellen Arbeitsmarktprobleme leisten. Auf Antrag der AG "Bildung
und Forschung" der SPD-Fraktion wurde das TAB durch den Ausschuss
für Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung beauftragt, eine
Studie zum Zusammenhang zwischen Umweltpolitik und
Beschäftigung(spolitik) durchzuführen. In der mit dem vorliegenden
Bericht abgeschlossenen ersten Phase des Projektes ging es darum, in einer
Vorstudie den Stand der Forschung zum Thema aufzuarbeiten und einen
vergleichenden Überblick über Ansätze, Methoden und Ergebnisse
vorliegender Studien zu den Beschäftigungswirkungen umweltpolitischer
Maßnahmen sowie umwelt- und ressourcenschonender Innovationen zu
erarbeiten.
Umweltpolitik als Innovationspolitik
Eine Veränderung in der Wahrnehmung der ökonomischen Bedeutung des
Umweltschutzes - nachdem dieser lange als Standortnachteil angesehen wurde
- ist durch die Diskussion um Nachhaltigkeit mit ausgelöst worden. Die
Förderung von Innovationen in Form umweltfreundlicherer Produkte und
Prozesse wird als Kernelement einer Politik der Nachhaltigkeit zunehmend
anerkannt. Aber auch hinsichtlich der im Rahmen der Globalisierung als
strategisch entscheidend angesehenen Innovationsdynamik wird Umweltpolitik
zunehmend als bedeutsamer Faktor angesehen.
In der wirtschaftswissenschaftlichen Diskussion rückt damit die Frage
ins Zentrum, wie sich die Wettbewerbsposition eines Landes auf
internationalen Märkten im Allgemeinen und Umweltmärkten im Speziellen
durch geeignete staatliche Rahmensetzung verbessern lässt. Als
entscheidend für die Setzung von Anreizen zu wirtschaftspolitisch
wünschenswerten Innovationsaktivitäten der Unternehmen werden dabei eine
angemessene Mischung verschiedener Instrumente aus unterschiedlichen
Politikbereichen (z.B. Koordination von Technologie- und Umweltpolitik,
ökonomische Anreize) und die Vernetzung von Regulierern und Regulierten
sowie die Setzung verbindlicher Rahmenbedingungen durch langfristige
strategische Planung und die Definition von langfristigen
umweltpolitischen Zielen (beispielsweise durch Entwicklung und
Implementierung nationaler Umweltpläne) gesehen.
Umweltschutz als Wirtschaftsfaktor
Zweifellos stellen Umweltschutz und Ressourcenschonung einen
bedeutenden Wirtschaftsfaktor in Deutschland dar. 1998 wurden in
Deutschland rund 112 Mrd. DM durch die Produktion von Umweltgütern und
Dienstleistungen umgesetzt, und Deutschland hat als zweitgrößter
Exporteur auf den Umweltschutzmärkten im Jahr 1997 Umweltschutzgüter im
Wert von knapp 41 Mrd. DM exportiert. Damit machte die Umwelttechnik einen
Anteil von 5 % der Industriewarenausfuhr der deutschen Wirtschaft
aus. Eine erhebliche Zahl von Arbeitsplätzen hängt direkt oder indirekt
vom Umweltschutz ab. Als annähernd realistisch gilt immer noch die auf
einer Schätzung für das Jahr 1994 beruhende Zahl von ca. 1 Mio.
Beschäftigten im und durch Umweltschutz in Deutschland.
Ein Grundproblem von Aussagen zu den Beschäftigungswirkungen von
umweltpolitischen Maßnahmen besteht darin, dass man auf Schätzungen
angewiesen ist. Ebenso wenig wie sich der Anteil auf Umweltschutz
bezogener wirtschaftlicher Leistungen am Bruttosozialprodukt statistisch
exakt ausweisen lässt, lässt sich der Niederschlag umweltpolitischer
Maßnahmen in Form von neu geschaffenen (oder vernichteten)
Arbeitsplätzen statistisch exakt abbilden. Ursache dafür ist u.a. auch
die erfolgreiche Umsetzung integrierten Umweltschutzes: Umweltpolitische
Maßnahmen, die darauf abzielen, negative Umweltwirkungen nicht
nachsorgend zu bearbeiten, sondern gar nicht erst entstehen zu lassen,
führen zu einer integrierten Berücksichtigung ökologischer Aspekte in
technischen Anlagen, Produktionsverfahren, Produkten und auch
Konsumweisen. Das heißt, Umweltschutz (als Sektor, Branche, Tätigkeit
oder einzelne Maßnahme) ist als solcher nicht mehr von den
wirtschaftlichen Aktivitäten insgesamt zu trennen. Mit wachsendem Erfolg
des Umweltschutzes nimmt sozusagen seine wirtschaftsstatistische
Sichtbarkeit ab.
Beschäftigungseffekte des Umweltschutzes
Mit solchen und anderen methodischen Problemen sind auch Studien
behaftet, die sich mit der Untersuchung möglicher (zukünftiger)
Beschäftigungseffekte verschiedener umweltpolitisch prominent
diskutierter Maßnahmen - z.B. Ökosteuern oder verschiedene Maßnahmen
zum Klimaschutz - auf Quantität und Qualität von Arbeitsplätzen
befassen. In den letzten Jahren ist eine Vielzahl solcher Studien
entstanden, die auch für die politische Diskussion um die sogenannte
"doppelte Dividende" von Bedeutung waren. Folgende - angesichts
bestehender methodischer Probleme vorsichtige - generelle
Schlussfolgerungen zu den Beschäftigungseffekten von Umweltpolitik lassen
sich aus diesen Studien ziehen:
- Die meisten auf ökonomischen Modellen basierenden Studien zu den
quantitativen Effekten zeigen gering positive
Beschäftigungseffekte bzw. eine beschäftigungspolitisch neutrale
Wirkung von Umweltpolitik. Insofern erscheint der mögliche Beitrag
von Umweltschutz zur Lösung der aktuellen Krise des Arbeitsmarktes
eher bescheiden - die Verwirklichung umweltpolitischer Ziele scheint
andererseits mit beschäftigungspolitischen Zielsetzungen durchaus
vereinbar.
- Umwelttechnik zeitigt insgesamt ökonomische Wirkungen, die denen
des technischen Wandels im Allgemeinen vergleichbar sind. Auch bei
anderen Zukunftstechnologien stehen neu geschaffenen Arbeitsplätzen
in den innovativen Branchen Verdrängungseffekte in anderen Bereichen
gegenüber. Allerdings spielt in der öffentlichen Diskussion über
Zukunftstechnologien (wie z.B. IuK-Technologien) die Frage nach den
durch Innovationen vernichteten Arbeitsplätzen eine weit geringere
Rolle.
- Hinsichtlich der Qualität von Arbeitsplätzen bzw. der
erforderlichen Qualifikationen wirken umwelttechnische Innovationen
entsprechend dem allgemeinen Trend am Arbeitsmarkt. Das heißt,
die Nachfrage nach qualifizierten und hochqualifizierten
Arbeitskräften nimmt zu, während die Nachfrage nach gering
qualifizierten Arbeitskräften eher sinkt. Insbesondere der
integrierte Umweltschutz wirkt deutlich in Richtung einer Nachfrage
nach höheren Qualifikationen und trägt damit zur Verbesserung der
Qualität der Arbeitsplätze (hinsichtlich der Aspekte Gesundheit,
Arbeitsplatzsicherheit und Einkommen) bei. Ohne alternative
Arbeitsmöglichkeiten bzw. eine Weiterqualifizierung dürften gering
qualifizierte Beschäftigte in erster Linie Leidtragende einer aktiven
Innovationspolitik auch im Umweltschutz sein, während die positiven
Impulse von Umweltinnovationen eher Facharbeiter und insbesondere
Akademiker betreffen.
Modellierung von Beschäftigungseffekten
Die Berechnung von Beschäftigungseffekten umweltpolitischer Maßnahmen
kann nur auf der Basis ökonomischer Modellierung der wirtschaftlichen
Realität und zukünftiger wirtschaftlicher Entwicklungstendenzen
erfolgen. Gegen die in der politischen Debatte gängige
Instrumentalisierung entsprechender Berechnungen als Beweis für
beschäftigungspolitisch positive oder negative Effekte des Umweltschutzes
muss festgehalten werden: Ökonometrische Modellrechnungen sind keine
Vorhersagen der wirtschaftlichen Entwicklung und können die komplexe
ökonomische Wirklichkeit grundsätzlich nicht exakt abbilden.
Grundsätzliche Grenzen sind ökonometrischen Berechnungen von
Beschäftigungseffekten umweltpolitischer Maßnahmen durch die in
entsprechenden Modellen zu berücksichtigende Vielzahl wirtschaftlicher
Faktoren und ihrer Wechselwirkungen sowie die - je nach theoretischem
Ansatz sich teils widersprechenden - Hypothesen zum Verhalten
wirtschaftlicher Akteure und wirtschaftlicher (Teil-)Systeme gesetzt. Bei
der ökonometrischen Modellierung muss notwendigerweise eine
(theorieabhängige) Entscheidung darüber getroffen werden, was als
relevant im Modell berücksichtigt wird, und was nicht. Einige für die
Abschätzung von für langfristige Beschäftigungseffekte (oft wird mit
Zeithorizonten von bis zu 50 Jahren gearbeitet) relevante Faktoren, wie
die Entwicklung des technischen Fortschritts und der
Arbeitsproduktivität, lassen sich in solchen Modellen zudem kaum
realistisch abbilden.
Ergebnisse ökonometrischer Modellrechnungen sollten somit nicht als
Beweismittel pro oder kontra den Angeklagten "Umweltschutz",
sondern zurückhaltend als informationelle Unterstützung politischer
Entscheidungsfindung verstanden und genutzt werden. Umweltpolitisch
begründete Entscheidungen können durch vergleichende ökonometrische
Modellrechnungen Hinweise erhalten, welche alternativen Pfade oder
umweltpolitischen Instrumente mit wirtschafts- und
beschäftigungspolitischen Zielsetzungen eher harmonieren oder eher
kollidieren bzw. in welchen Segmenten oder Branchen mit spezifischen
Problemen zu rechnen ist.
Nachhaltige Entwicklung und Arbeit
Die im Rahmen der Vorstudie durchgeführte Auswertung von Konzepten zur
Operationalisierung des Leitbildes "nachhaltige Entwicklung"
zeigt, dass - obwohl Nachhaltigkeit mittlerweile auch in ihren sozialen
und ökonomischen Dimensionen intensiv diskutiert wird - Zusammenhänge
zwischen nachhaltiger Entwicklung einerseits und Arbeit und Beschäftigung
andererseits bisher allenfalls am Rande thematisiert wurden. Noch in den
Anfängen steckt die Diskussion um die Konkretisierung eines
nachhaltigen Begriffs von Arbeit. Deutlich wird aber die Tendenz,
Themen und Konzepte der seit den 70er Jahren laufenden Debatte um die
Zukunft der Arbeitsgesellschaft (Flexibilisierung, Auflösung der Grenzen
zwischen Eigen- und Erwerbsarbeit, Entkopplung von Einkommen und
Erwerbsarbeit) mit Fragen nachhaltiger Arbeit zu verknüpfen. Auch dann,
wenn Nachhaltigkeit vorwiegend ökologisch definiert wird, werden
Bemühungen um eine weitere Konkretisierung von Nachhaltigkeit die in der
Debatte zur Zukunft der Arbeit thematisierten Tendenzen der Veränderung
der Arbeitswelt als entscheidende Randbedingung nicht ignorieren können.
Insgesamt wird in Zukunft auch das Verhältnis eines nachhaltigen
arbeitspolitischen Leitbildes zu aktuellen wirtschaftlichen Tendenzen wie
Internationalisierung wirtschaftlicher Aktivitäten, der Entwicklung von
Dienstleistungsökonomien oder dem Entstehen einer so genannten "New
Economy" zu klären sein.
Ein Desiderat bleibt bisher die Abschätzung von
beschäftigungspolitischen Effekten umfassender, integrierter
Nachhaltigkeitsstrategien. Aufgrund der in der Regel recht weit gehenden
Ziele und auch komplexen Maßnahmenbündel, die hier auf ihre
Arbeitsmarkteffekte zu untersuchen wären, scheinen jedoch ökonometrische
Modelle an ihre Grenzen zu stoßen. Die schon für die Ableitung von
Effekten einzelner umweltpolitischer Maßnahmen bestehenden methodischen
Probleme (Datenlage, Modellierung komplexer Wechselwirkungen) kommen hier
erst recht zum Tragen.
Umweltschutz und berufliche Bildung
Es ist deutlich, dass durch umweltpolitische Vorgaben teils erhebliche
Veränderungen der bestehenden beruflichen Tätigkeitsfelder ausgelöst
werden, die die Integration einer Vielzahl neuer Kompetenzen und
Qualifikationen in die Berufsausbildung nötig machen. Neben zusätzlichen
technischen Kenntnissen werden z.B. im Handwerk Kenntnisse in der
Projektplanung und Koordination sowie soziale und kommunikative
Kompetenzen in der Kundenberatung und in der Kooperation mit anderen
Berufszweigen verlangt. Es ist zu erwarten, dass sich diese Tendenz -
ausgelöst durch neue technische Entwicklungen, die Veränderung von
Märkten, aber auch durch erweiterte Anforderungen des Umweltschutzes -
verstärken wird.
Das System der Berufsausbildung hat bisher auf die Anforderungen
des Umweltschutzes recht flexibel reagiert. Umweltschutz ist als
Querschnittsqualifikation mittlerweile fest verankert. In bestehende
Ausbildungs- und Studiengänge wurden vielfach umweltspezifische
Ausbildungsziele integriert und Fortbildungsmöglichkeiten geschaffen, die
eine spezifische Qualifikation für Umweltschutztätigkeiten ermöglicht.
Auch durch in der Regel von den Handwerks- und Industrie- und
Handelskammern ausgehende Initiativen ist eine Reihe von Möglichkeiten
zur spezifischen beruflichen Weiterbildung im Umweltschutz entstanden.
Solche Initiativen sowie auch vom Bundesinstitut für Berufsbildung
geförderte Bildungsangebote und Bildungszentren mit Projekt- oder
Modellcharakter scheinen geeignet, die berufliche Bildung auf neu
entstehende umweltschutzbezogene Qualifikationsanforderungen einzustellen.
Wenig verallgemeinerbare Erkenntnisse und auch keine verlässlichen
Daten liegen dazu vor, wie sich im Umweltschutz speziell qualifizierte
Personen auf dem Arbeitsmarkt durchsetzen. Weitgehend auf plausible
Annahmen und Trial- and-Error-Ansätze angewiesen bleibt damit auch der
Versuch einer gezielten Verbesserung von Beschäftigungschancen durch
Qualifikationsmaßnahmen im Umweltschutz. In Bezug auf die Möglichkeiten,
durch gezielte Aus- und Weiterbildung im Umweltschutz
Beschäftigungsperspektiven für die Problemgruppe der gering
Qualifizierten zu schaffen, scheint eine stärkere Verknüpfung der
umweltpolitischen Diskussion mit den aktuell im Forum Bildung des BMBF und
im Bündnis für Arbeit diskutierten Maßnahmen zur Qualifizierung von
erwerbslosen Jugendlichen ohne Berufsausbildung hilfreich zu sein. Das
Thema Umweltschutz als Beschäftigungs- und Qualifizierungsperspektive
scheint im Rahmen dieser Initiativen bisher eine untergeordnete Rolle zu
spielen.
Erst am Anfang steht die Diskussion um das Leitbild
"nachhaltige Entwicklung" in der beruflichen Bildung. Wie
weit sich Inhalte einer "nachhaltigen" Berufsbildung überhaupt
bis in Curricula für einzelne Berufe spezifizieren lassen, erscheint
fraglich. Wesentlich für eine schnelle Anpassung an neue
Qualifikationsanforderungen wird wahrscheinlich die Fähigkeit des
Berufsbildungssystems zur Schaffung von flexiblen Möglichkeiten des
Erwerbs von Zusatz- und Querschnittsqualifikationen sein, d.h. die
Umsetzung von Prinzipien, die aktuell die Diskussion um die berufliche
Bildung bestimmen: flexible Verteilung von Lernzeiten über das
Berufsleben, Modularisierung des Bildungsangebotes, flexible Übergänge
zwischen Aus- und Weiterbildung.
Beschäftigungsorientierte Umweltpolitik
Die weitere Entwicklung einer beschäftigungsorientierten Umweltpolitik
wird sich im Rahmen des nicht nur umweltpolitisch zentralen Leitbildes der
Nachhaltigkeit vollziehen müssen. Dabei steht eine Reihe von Fragen zur
Klärung an, z.B.: Wie sind Strategien nachhaltiger Entwicklung unter
beschäftigungspolitischen Gesichtspunkten mit den generellen Trends der
wirtschaftlichen Entwicklung und des Arbeitsmarktes vermittelbar? Wie
können die für das System der Berufsbildung unter dem Gesichtspunkt
nachhaltiger Entwicklung in Zukunft relevanten Qualifikationsanforderungen
identifiziert werden? Wie kann sich das Berufsbildungssystem auf die
Herausforderungen nachhaltiger Entwicklung einstellen? Es wird darauf
ankommen, die Umweltpolitik nicht auf dem Altar der Arbeitsmarktprobleme
zu opfern, sondern vielmehr darauf, einen Pfad einzuschlagen, der
Synergien soweit vorhanden nutzt und berechtigte kurzfristige
Beschäftigungsziele mit langfristigen Nachhaltigkeitszielen in Einklang
bringt. Dies stellt sich - wie die Übersetzung des Leitbildes in konkrete
Ziele und Maßnahmen insgesamt - als gesellschaftliche Aufgabe, die in
Kooperation der relevanten gesellschaftlichen Akteure zu leisten wäre.
Stand: Mai 2001 - buero@tab.fzk.de
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