TAB

Zusammenfassung des TAB-Arbeitsberichtes Nr. 83

Technikakzeptanz und Kontroversen über Technik:

"Positive Veränderung des Meinungsklimas – konstante Einstellungsmuster"

Ergebnisse einer repräsentativen Umfrage des TAB
zur Einstellung der deutschen Bevölkerung zur Technik

Dritter Sachstandsbericht


Im Rahmen des Monitoring "Technikakzeptanz und Kontroversen über Technik" hatte das TAB bereits 1997 eine repräsentative Umfrage zur Technikeinstellung der Bevölkerung durchgeführt. Der vorliegende Bericht gibt die Ergebnisse einer zu Beginn des Jahres 2002 durchgeführten weiteren Umfrage wieder, die z.T. Fragestellungen der ersten Umfrage, darüber hinaus aber auch Themen aufgreift, die aktuell die Diskussion um Wissenschaft und Technik bestimmen. Parallel und ergänzend zur standardisierten Umfrage wurden Gruppendiskussionen mit zufällig ausgewählten Laien (sog. Fokusgruppen) zu einigen der in der Umfrage behandelten Themen durchgeführt, die zusätzlich Aufschluss über die Einstellung der Bevölkerung zu aktuellen wissenschaftlich-technischen Themen geben sollten.

Positiv verändertes Meinungsklima

Im Großen und Ganzen bestätigt die Umfrage die Erkenntnisse zur Struktur der öffentlichen Meinung zu Wissenschaft und Technik, wie sie aus der Umfrageforschung seit langem bekannt sind:

  • "Alles in allem" werden "Technik" und "technischer Fortschritt" überaus positiv bewertet. Nur eine Minderheit von deutlich unter 10 % der Befragten zeigt sich bei bilanzierenden Fragen zur Technikeinstellung negativ eingestellt.
  • Die Einstellung differiert aber je nach Technologiefeld. Alltags- oder Haushaltstechnik und insbesondere der wissenschaftlich-technische Fortschritt in der Medizin werden nahezu einhellig positiv gesehen. Dagegen halten sich bei Groß- oder Risikotechnologien Ablehnung und Zustimmung die Wage, oder es überwiegt – wie bei der Kernenergie – die Skepsis.
  • Auch hinsichtlich eines Technologiefeldes kann die Einstellung stark differieren, je nach welcher Anwendung gefragt ist bzw. je nach der Zielsetzung, mit der die Nutzung einer Technologie verbunden ist. Ganz deutlich ist dies bei der Gentechnik ausgeprägt. Gentechnik in der Medizin wird – oft möchte man sagen: unkritisch, wie z.B. im Falle der Keimbahntherapie – positiv bewertet. Ablehnend ist die Haltung gegenüber der "grünen Gentechnik", vor allem bei der Gentechnik in der Lebensmittelproduktion. Hier steht der Unsicherheit über mögliche Risiken, von denen man direkt betroffen sein könnte, kein wahrgenommener Nutzen gegenüber.
  • Hinter dem Urteil der meisten Befragten (ob in der Bilanz eher positiv oder eher negativ eingestellt) steht ein mehrdimensionales oder ambivalentes Bild von den Vor- und Nachteilen der technischen Entwicklung. So werden die Bedeutung der technischen Entwicklung für die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit der Gesellschaft wie auch negative Auswirkungen auf das Alltagsleben (mehr Hektik und Verlust von Zwischenmenschlichkeit) gleichermaßen gesehen. Arbeitserleichterungen durch die Technisierung der Arbeitswelt auf der einen Seite steht die Wahrnehmung negativer Arbeitsplatzeffekte der Technisierung gegenüber. Die Ambivalenz im Urteil der Befragten schlägt sich auch darin nieder, dass bei Fragen nach den Auswirkungen der technischen Entwicklung vielfach ein Anteil von ca. einem Drittel der Befragten die Antwortvorgaben "weder/noch" oder "unentschieden" wählt.

Neben der Bestätigung der o.g. Muster zeigt die Umfrage eine im Vergleich zur Umfrage aus dem Jahr 1997 deutliche Zunahme des Anteils positiver Urteile über Technik. Dies trifft nicht nur für die so genannten Bilanzurteilsfragen nach der generellen Einstellung zu "Technik" und "technischem Fortschritt" zu. Vielmehr hat fast durchgängig die Zustimmung zu positiv gepolten Statements (z.B. zur wirtschaftlichen Bedeutung von Technik) zu- und zu negativ gepolten Statements (z.B. zu den Umweltauswirkungen der technischen Entwicklung) abgenommen. Auch bei den Fragen nach einzelnen Technologiefeldern oder Anwendungsbereichen ist diese positive Tendenz in der Einstellung festzustellen. Da die positive Tendenz so konsistent bei allen Fragen auszumachen ist, lässt sich durchaus von einer zum Zeitpunkt der Befragung im Vergleich zu den gesamten 1990er Jahren generell positiven Entwicklung des Meinungsklimas gegenüber Wissenschaft und Technik reden. Eine eingehende Analyse der Umfragedaten und auch die Ergebnisse der Fokusgruppendiskussionen lassen den Schluss zu, dass die positive Veränderung des Meinungsklimas vor allem mit der wahrgenommenen Bedeutung von Wissenschaft und Technik für die wirtschaftliche Entwicklung zusammenhängt. Auch wenn nach wie vor das Thema "Abbau von Arbeitsplätzen durch technische Rationalisierung" von Bedeutung für die Technikeinstellung ist, haben die anhaltende Wirtschaftskrise und die Diskussionen um die Konkurrenzfähigkeit der deutschen Wirtschaft doch zu einer positiven Veränderung in der Wahrnehmung des Wirtschaftsfaktors "technische Innovation" beigetragen.

Trendwende in der Einstellung zur Gentechnik?

Betrachtet man die Einstellungsentwicklung zu verschiedenen wichtigen Technologiefeldern, zeigt sich, dass einzig die Kernenergie an der zu verzeichnenden positiven Entwicklung des Meinungsklimas nicht partizipieren kann. Hier überwiegt nach wie vor eine skeptische bis deutlich ablehnende Haltung in der Bevölkerung. Dagegen hat sich im Vergleich zu 1997 die Einstellung zur Gentechnologie gewandelt. Die Zahl derjenigen Befragten, die eine staatliche Förderung dieses Technologiefeldes befürworten, hat deutlich zugenommen – auch wenn die Zahl derjenigen, die sich unentschieden oder ablehnend äußern, zusammengenommen immer noch überwiegt. Ob dies als dauerhafte Trendwende in der Einstellung zur Gentechnik zu werten ist, bleibt abzuwarten. Bestand hat die deutlich kritische Einstellung gegenüber der grünen Gentechnik – vor allem gegenüber gentechnisch veränderten Lebensmitteln. Gegenüber diesem Anwendungsfeld der Gentechnik – das zeigen auch die Fokusgruppen – bestehen erhebliche Vorbehalte wegen vermuteter gesundheitlicher Risiken. Die Nutzung der Gentechnik im medizinischen Kontext wird demgegenüber deutlich positiv gesehen. Die Hoffnung auf Erfolge in der Bekämpfung von Krankheiten wie Krebs verschafft hier Forschung wie auch Anwendung einen erheblichen Bonus. In der Bewertung konkreter biomedizinischer Verfahren – wie der Präimplantationsdiagnostik (PID) – zeigt sich dagegen eine deutliche Ambivalenz in der Einstellung. Die Umfrage erbrachte hier kein eindeutiges Meinungsbild. Das Antwortverhalten zu verschiedenen Pro- und Kontra-Statements, die den Befragten vorgelegt wurden, wie auch die Äußerungen in der zum Thema PID durchgeführten Fokusgruppe zeigen die überwiegende Ambivalenz und z.T. auch Widersprüchlichkeit der Urteile, die durch die positiven Assoziationen der "Vermeidung von Krankheit und Leid" auf der einen und durch die Angst vor Missbrauch und das Unbehagen an einem als Grenzüberschreitung gesehenen Eingriff (der "dem Menschen nicht zusteht") auf der anderen Seite bestimmt sind.

Insgesamt muss man davon ausgehen, dass das Wissen großer Teile der Bevölkerung nicht nur über technische und naturwissenschaftliche Zusammenhänge biomedizinischer Verfahren, sondern auch über ethische Argumente, die in politischen Debatten über das Pro- und Kontra neuer biomedizinischer Verfahren wie PID eine Rolle spielen, gering ist. Es drängt sich der Eindruck auf, dass von den intensiven Diskussionen auf parlamentarischer Ebene über Biomedizin im Allgemeinen und PID und Stammzellforschung im Besonderen bei einem Grossteil der Bevölkerung nur recht wenig bekannt ist. Allerdings ist auch die Bereitschaft, sich über die Rezeption von tagesaktuellen Nachrichten hinaus mit dem Thema PID auseinander zu setzen, eher gering.

BSE und elektromagnetische Strahlung

Ganz anders dagegen bei Themen, von denen man sich unmittelbar selbst betroffen fühlt. Die Rinderseuche BSE hat ganz offensichtlich bei einem Großteil der Bevölkerung zu erheblicher Verunsicherung und zu entsprechendem Bedarf an Informationen über das bestehende Gesundheitsrisiko geführt. Zwar lässt sich anhand verschiedener Umfragen zeigen, dass über die Zeit das Gefühl akuter Gefährdung durch BSE nachlässt. Allerdings waren im Februar 2002 laut TAB-Umfrage nur rund 30 % der Bevölkerung der Meinung, dass man das BSE-Problem im Griff habe und man sich nun keine Sorgen mehr machen müsse. Der BSE-Skandal hat offensichtlich zu einer deutlichen Erschütterung des Vertrauens in den Verbraucherschutz und zu deutlicher Skepsis gegenüber der konventionellen Landwirtschaft und Nahrungsmittelproduktion geführt. Knapp die Hälfte der Befragten stimmt einer grundsätzlichen Umstellung auf ökologische Landwirtschaft zu, auch wenn damit die Preise steigen würden.

Nicht in dem Maße wie bei BSE, aber doch recht ausgeprägt ist auch die Verunsicherung über die gesundheitlichen Risiken der von Mobilfunksendeanlagen ausgehenden hochfrequenten elektromagnetischen Felder im Zuge des Ausbaus des neuen Mobilfunkstandards UMTS. Auch wenn man davon ausgehen muss – wie die Fokusgruppendiskussion zu UMTS zeigt –, dass nur die Wenigsten Kenntnisse über bestehende Grenzwerte und den Stand der Forschung zu Gesundheitsrisiken elektromagnetischer Felder haben, bewegt das Thema doch einen Großteil der Bevölkerung. Über die Hälfte der Befragten stimmt der Meinung zu, dass man sich als Anwohner von Mobilfunksendeanlagen Sorgen um seine Gesundheit machen müsse. Ebenfalls mehr als die Hälfte der Befragten hält die bestehenden Grenzwerte für unzureichend, und fast zwei Drittel halten die Information über Risiken durch Mobilfunkbetreiber und Behörden für unzureichend. Die zum Thema durchgeführte Fokusgruppe bestätigt den angesichts weit verbreiteter Handynutzung nahe liegenden Schluss, dass die Sorge bezüglich gesundheitlicher Risiken nicht mit einer grundsätzlichen Ablehnung von UMTS verbunden sein muss. Deutlich wird aber, dass nur die Wenigsten eine Sendeanlage in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft ohne Bedenken hinzunehmen bereit wären, und dass die Erwartung, durch Betreiber und lokale Behörden umfassend und frühzeitig über geplante Standorte informiert zu werden, deutlich ausgeprägt ist.

Computer und Internet

Für den Bereich IuK-Technologien zeigt die Umfrage eine weitere Normalisierung des Umgangs mit dem Computer, der mittlerweile offensichtlich zu einem Gegenstand des alltäglichen Gebrauchs geworden ist, wozu die zunehmende Nutzung des Internets beiträgt. Anders als noch vor wenigen Jahren ist nicht mehr der Arbeitsplatz der Ort, an dem die meisten das Internet nutzen. Fast jeder dritte Befragte gibt an, das Internet regelmäßig zu Hause zu nutzen; in der Altersgruppe der Unter-30-Jährigen sogar jeder zweite. Allerdings ist der so genannte "Digital Divide" weiter deutlich ausgeprägt. Rund 40 % der Befragten geben an, über keinen Internetzugang zu verfügen und auch nicht zu glauben, dass das Internet für sie persönlich nützlich sein könnte. Internet ist nach wie vor eine Technologie, die vorwiegend von Jüngeren und den im erwerbstätigen Alter befindlichen Generationen genutzt wird. Von den Über-60-Jährigen verfügen der Umfrage zufolge nur rund 7 % über einen Internetzugang.

Skepsis gegenüber der Steuerungsfähigkeit der Politik

Eine insgesamt positivere Einstellung zu Wissenschaft und Technik zeigt auch das Antwortverhalten zu einigen Statements zu Fragen der politischen Steuerung und zu den wirtschaftlichen und ökologischen Auswirkungen der technischen Entwicklung. So ist gegenüber 1997 der Anteil derjenigen, die dem Statement "Ohne neue Technologien werden wir den Wettbewerb mit anderen Ländern verlieren" gegenüber 1997 um 10 auf rund 40 % gestiegen, und nur noch rund 32 % der Befragten (gegenüber 37 % im Jahr 1997) stimmen der Aussage zu, "dass für den Erhalt der Umwelt der Einsatz von Technik vermindert werden muss". Allerdings scheint von dem generell positiveren Meinungsklima die "Politik" nicht zu profitieren. Gegenüber der Steuerungsfähigkeit der Politik besteht nach wie vor überwiegend Skepsis. Auch die Fokusgruppen zeigen das weit verbreitete Misstrauen in die Handlungsfähigkeit der Politik – insbesondere dann, wenn es um Fragen der Risikovorsorge und des Verbraucherschutzes geht. Zudem finden sich Hinweise darauf, dass eine durchaus grundsätzlich positive Einstellung gegenüber Wissenschaft und Technik vielfach mit einer eher fatalistischen Einschätzung der Möglichkeiten, die technische Entwicklung überhaupt steuern zu können, und insbesondere der Chancen von Bürgerinnen und Bürgern, Einfluss in technologiepolitischen Fragen nehmen zu können, verbunden ist.


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Stand: November 2002 - buero@tab.fzk.de