Im Rahmen des Monitoring "Technikakzeptanz und Kontroversen über
Technik" hatte das TAB bereits 1997 eine repräsentative Umfrage zur
Technikeinstellung der Bevölkerung durchgeführt. Der vorliegende Bericht
gibt die Ergebnisse einer zu Beginn des Jahres 2002 durchgeführten
weiteren Umfrage wieder, die z.T. Fragestellungen der ersten Umfrage,
darüber hinaus aber auch Themen aufgreift, die aktuell die Diskussion um
Wissenschaft und Technik bestimmen. Parallel und ergänzend zur
standardisierten Umfrage wurden Gruppendiskussionen mit zufällig
ausgewählten Laien (sog. Fokusgruppen) zu einigen der in der Umfrage
behandelten Themen durchgeführt, die zusätzlich Aufschluss über die Einstellung
der Bevölkerung zu aktuellen wissenschaftlich-technischen Themen
geben sollten.
Positiv verändertes Meinungsklima
Im Großen und Ganzen bestätigt die Umfrage die Erkenntnisse zur
Struktur der öffentlichen Meinung zu Wissenschaft und Technik, wie sie
aus der Umfrageforschung seit langem bekannt sind:
- "Alles in allem" werden "Technik" und
"technischer Fortschritt" überaus positiv bewertet. Nur
eine Minderheit von deutlich unter 10 % der Befragten zeigt sich
bei bilanzierenden Fragen zur Technikeinstellung negativ eingestellt.
- Die Einstellung differiert aber je nach Technologiefeld. Alltags-
oder Haushaltstechnik und insbesondere der wissenschaftlich-technische
Fortschritt in der Medizin werden nahezu einhellig positiv gesehen.
Dagegen halten sich bei Groß- oder Risikotechnologien Ablehnung und
Zustimmung die Wage, oder es überwiegt – wie bei der Kernenergie
– die Skepsis.
- Auch hinsichtlich eines Technologiefeldes kann die Einstellung stark
differieren, je nach welcher Anwendung gefragt ist bzw. je nach der
Zielsetzung, mit der die Nutzung einer Technologie verbunden ist. Ganz
deutlich ist dies bei der Gentechnik ausgeprägt. Gentechnik in der
Medizin wird – oft möchte man sagen: unkritisch, wie z.B. im Falle
der Keimbahntherapie – positiv bewertet. Ablehnend ist die Haltung
gegenüber der "grünen Gentechnik", vor allem bei der
Gentechnik in der Lebensmittelproduktion. Hier steht der Unsicherheit
über mögliche Risiken, von denen man direkt betroffen sein könnte,
kein wahrgenommener Nutzen gegenüber.
- Hinter dem Urteil der meisten Befragten (ob in der Bilanz eher
positiv oder eher negativ eingestellt) steht ein mehrdimensionales
oder ambivalentes Bild von den Vor- und Nachteilen der technischen
Entwicklung. So werden die Bedeutung der technischen Entwicklung für
die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit der Gesellschaft wie auch
negative Auswirkungen auf das Alltagsleben (mehr Hektik und Verlust
von Zwischenmenschlichkeit) gleichermaßen gesehen.
Arbeitserleichterungen durch die Technisierung der Arbeitswelt auf der
einen Seite steht die Wahrnehmung negativer Arbeitsplatzeffekte der
Technisierung gegenüber. Die Ambivalenz im Urteil der Befragten
schlägt sich auch darin nieder, dass bei Fragen nach den Auswirkungen
der technischen Entwicklung vielfach ein Anteil von ca. einem Drittel
der Befragten die Antwortvorgaben "weder/noch" oder
"unentschieden" wählt.
Neben der Bestätigung der o.g. Muster zeigt die Umfrage eine im
Vergleich zur Umfrage aus dem Jahr 1997 deutliche Zunahme des Anteils
positiver Urteile über Technik. Dies trifft nicht nur für die so
genannten Bilanzurteilsfragen nach der generellen Einstellung zu
"Technik" und "technischem Fortschritt" zu. Vielmehr
hat fast durchgängig die Zustimmung zu positiv gepolten Statements (z.B.
zur wirtschaftlichen Bedeutung von Technik) zu- und zu negativ gepolten
Statements (z.B. zu den Umweltauswirkungen der technischen Entwicklung)
abgenommen. Auch bei den Fragen nach einzelnen Technologiefeldern oder
Anwendungsbereichen ist diese positive Tendenz in der Einstellung
festzustellen. Da die positive Tendenz so konsistent bei allen Fragen
auszumachen ist, lässt sich durchaus von einer zum Zeitpunkt der
Befragung im Vergleich zu den gesamten 1990er Jahren generell positiven
Entwicklung des Meinungsklimas gegenüber Wissenschaft und Technik reden.
Eine eingehende Analyse der Umfragedaten und auch die Ergebnisse der
Fokusgruppendiskussionen lassen den Schluss zu, dass die positive
Veränderung des Meinungsklimas vor allem mit der wahrgenommenen Bedeutung
von Wissenschaft und Technik für die wirtschaftliche Entwicklung
zusammenhängt. Auch wenn nach wie vor das Thema "Abbau von
Arbeitsplätzen durch technische Rationalisierung" von Bedeutung für
die Technikeinstellung ist, haben die anhaltende Wirtschaftskrise und die
Diskussionen um die Konkurrenzfähigkeit der deutschen Wirtschaft doch zu
einer positiven Veränderung in der Wahrnehmung des Wirtschaftsfaktors
"technische Innovation" beigetragen.
Trendwende in der Einstellung zur Gentechnik?
Betrachtet man die Einstellungsentwicklung zu verschiedenen wichtigen
Technologiefeldern, zeigt sich, dass einzig die Kernenergie an der zu
verzeichnenden positiven Entwicklung des Meinungsklimas nicht
partizipieren kann. Hier überwiegt nach wie vor eine skeptische bis
deutlich ablehnende Haltung in der Bevölkerung. Dagegen hat sich
im Vergleich zu 1997 die Einstellung zur Gentechnologie gewandelt.
Die Zahl derjenigen Befragten, die eine staatliche Förderung dieses
Technologiefeldes befürworten, hat deutlich zugenommen – auch wenn
die Zahl derjenigen, die sich unentschieden oder ablehnend äußern,
zusammengenommen immer noch überwiegt. Ob dies als dauerhafte Trendwende
in der Einstellung zur Gentechnik zu werten ist, bleibt abzuwarten.
Bestand hat die deutlich kritische Einstellung gegenüber der grünen
Gentechnik – vor allem gegenüber gentechnisch veränderten
Lebensmitteln. Gegenüber diesem Anwendungsfeld der Gentechnik – das
zeigen auch die Fokusgruppen – bestehen erhebliche Vorbehalte wegen
vermuteter gesundheitlicher Risiken. Die Nutzung der Gentechnik im
medizinischen Kontext wird demgegenüber deutlich positiv gesehen. Die
Hoffnung auf Erfolge in der Bekämpfung von Krankheiten wie Krebs
verschafft hier Forschung wie auch Anwendung einen erheblichen Bonus. In
der Bewertung konkreter biomedizinischer Verfahren – wie der
Präimplantationsdiagnostik (PID) – zeigt sich dagegen eine deutliche
Ambivalenz in der Einstellung. Die Umfrage erbrachte hier kein eindeutiges
Meinungsbild. Das Antwortverhalten zu verschiedenen Pro- und
Kontra-Statements, die den Befragten vorgelegt wurden, wie auch die
Äußerungen in der zum Thema PID durchgeführten Fokusgruppe zeigen die
überwiegende Ambivalenz und z.T. auch Widersprüchlichkeit der Urteile,
die durch die positiven Assoziationen der "Vermeidung von Krankheit
und Leid" auf der einen und durch die Angst vor Missbrauch und das
Unbehagen an einem als Grenzüberschreitung gesehenen Eingriff (der
"dem Menschen nicht zusteht") auf der anderen Seite bestimmt
sind.
Insgesamt muss man davon ausgehen, dass das Wissen großer Teile der
Bevölkerung nicht nur über technische und naturwissenschaftliche
Zusammenhänge biomedizinischer Verfahren, sondern auch über ethische
Argumente, die in politischen Debatten über das Pro- und Kontra neuer
biomedizinischer Verfahren wie PID eine Rolle spielen, gering ist. Es
drängt sich der Eindruck auf, dass von den intensiven Diskussionen auf
parlamentarischer Ebene über Biomedizin im Allgemeinen und PID und
Stammzellforschung im Besonderen bei einem Grossteil der Bevölkerung nur
recht wenig bekannt ist. Allerdings ist auch die Bereitschaft, sich über
die Rezeption von tagesaktuellen Nachrichten hinaus mit dem Thema PID
auseinander zu setzen, eher gering.
BSE und elektromagnetische Strahlung
Ganz anders dagegen bei Themen, von denen man sich unmittelbar selbst
betroffen fühlt. Die Rinderseuche BSE hat ganz offensichtlich bei einem
Großteil der Bevölkerung zu erheblicher Verunsicherung und zu
entsprechendem Bedarf an Informationen über das bestehende
Gesundheitsrisiko geführt. Zwar lässt sich anhand verschiedener Umfragen
zeigen, dass über die Zeit das Gefühl akuter Gefährdung durch BSE
nachlässt. Allerdings waren im Februar 2002 laut TAB-Umfrage nur rund
30 % der Bevölkerung der Meinung, dass man das BSE-Problem im Griff
habe und man sich nun keine Sorgen mehr machen müsse. Der BSE-Skandal
hat offensichtlich zu einer deutlichen Erschütterung des Vertrauens in
den Verbraucherschutz und zu deutlicher Skepsis gegenüber der
konventionellen Landwirtschaft und Nahrungsmittelproduktion geführt.
Knapp die Hälfte der Befragten stimmt einer grundsätzlichen Umstellung
auf ökologische Landwirtschaft zu, auch wenn damit die Preise steigen
würden.
Nicht in dem Maße wie bei BSE, aber doch recht ausgeprägt ist auch
die Verunsicherung über die gesundheitlichen Risiken der von
Mobilfunksendeanlagen ausgehenden hochfrequenten elektromagnetischen
Felder im Zuge des Ausbaus des neuen Mobilfunkstandards UMTS. Auch
wenn man davon ausgehen muss – wie die Fokusgruppendiskussion zu UMTS
zeigt –, dass nur die Wenigsten Kenntnisse über bestehende
Grenzwerte und den Stand der Forschung zu Gesundheitsrisiken
elektromagnetischer Felder haben, bewegt das Thema doch einen Großteil
der Bevölkerung. Über die Hälfte der Befragten stimmt der Meinung
zu, dass man sich als Anwohner von Mobilfunksendeanlagen Sorgen um seine
Gesundheit machen müsse. Ebenfalls mehr als die Hälfte der Befragten
hält die bestehenden Grenzwerte für unzureichend, und fast zwei Drittel
halten die Information über Risiken durch Mobilfunkbetreiber und
Behörden für unzureichend. Die zum Thema durchgeführte Fokusgruppe
bestätigt den angesichts weit verbreiteter Handynutzung nahe liegenden
Schluss, dass die Sorge bezüglich gesundheitlicher Risiken nicht mit
einer grundsätzlichen Ablehnung von UMTS verbunden sein muss. Deutlich
wird aber, dass nur die Wenigsten eine Sendeanlage in ihrer unmittelbaren
Nachbarschaft ohne Bedenken hinzunehmen bereit wären, und dass die
Erwartung, durch Betreiber und lokale Behörden umfassend und frühzeitig
über geplante Standorte informiert zu werden, deutlich ausgeprägt ist.
Computer und Internet
Für den Bereich IuK-Technologien zeigt die Umfrage eine weitere
Normalisierung des Umgangs mit dem Computer, der mittlerweile
offensichtlich zu einem Gegenstand des alltäglichen Gebrauchs geworden
ist, wozu die zunehmende Nutzung des Internets beiträgt. Anders als noch
vor wenigen Jahren ist nicht mehr der Arbeitsplatz der Ort, an dem die
meisten das Internet nutzen. Fast jeder dritte Befragte gibt an, das
Internet regelmäßig zu Hause zu nutzen; in der Altersgruppe der
Unter-30-Jährigen sogar jeder zweite. Allerdings ist der so genannte
"Digital Divide" weiter deutlich ausgeprägt. Rund 40 % der
Befragten geben an, über keinen Internetzugang zu verfügen und auch
nicht zu glauben, dass das Internet für sie persönlich nützlich sein
könnte. Internet ist nach wie vor eine Technologie, die vorwiegend von
Jüngeren und den im erwerbstätigen Alter befindlichen Generationen
genutzt wird. Von den Über-60-Jährigen verfügen der Umfrage zufolge nur
rund 7 % über einen Internetzugang.
Skepsis gegenüber der Steuerungsfähigkeit der Politik
Eine insgesamt positivere Einstellung zu Wissenschaft und Technik zeigt
auch das Antwortverhalten zu einigen Statements zu Fragen der politischen
Steuerung und zu den wirtschaftlichen und ökologischen Auswirkungen der
technischen Entwicklung. So ist gegenüber 1997 der Anteil derjenigen, die
dem Statement "Ohne neue Technologien werden wir den Wettbewerb mit
anderen Ländern verlieren" gegenüber 1997 um 10 auf rund 40 %
gestiegen, und nur noch rund 32 % der Befragten (gegenüber 37 %
im Jahr 1997) stimmen der Aussage zu, "dass für den Erhalt der
Umwelt der Einsatz von Technik vermindert werden muss". Allerdings scheint
von dem generell positiveren Meinungsklima die "Politik" nicht
zu profitieren. Gegenüber der Steuerungsfähigkeit der Politik
besteht nach wie vor überwiegend Skepsis. Auch die Fokusgruppen zeigen
das weit verbreitete Misstrauen in die Handlungsfähigkeit der Politik –
insbesondere dann, wenn es um Fragen der Risikovorsorge und des
Verbraucherschutzes geht. Zudem finden sich Hinweise darauf, dass eine
durchaus grundsätzlich positive Einstellung gegenüber Wissenschaft und
Technik vielfach mit einer eher fatalistischen Einschätzung der
Möglichkeiten, die technische Entwicklung überhaupt steuern zu können,
und insbesondere der Chancen von Bürgerinnen und Bürgern, Einfluss in
technologiepolitischen Fragen nehmen zu können, verbunden ist.